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Kapitel 1: Von Toronto nach Halifax


Am Donnerstag, den 11. April 2019 landen wir spätabends erschöpft und trotzdem ziemlich aufgeregt in Toronto. Hinter uns liegt eine unfassbar nervenaufreibende und trotzdem schöne Zeit! Seit Wochen (naja eigentlich Monaten) haben wir geplant, Listen abgehakt, uns von unseren Freund*innen und Familien verabschiedet und darum gezittert, dass unser geliebter alter VW-Bus „Kleiner Onkel“ rechtzeitig für die große Reise fit wird. Nach einer denkwürdigen Abschiedsparty und mehreren Werkstattaufenthalten sind wir dann aber doch noch rechtzeitig Richtung Hamburg losgefahren, um dort unseren Kleinen Onkel im Hafen abzugeben und uns selbst in den Flieger zu setzen.

In Toronto angekommen schaffen wir es irgendwie die mürrisch dreinblickende Grenzbeamtin davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, uns einen 180-Tageaufenthalt in Kanada zu gewähren. Anschließend machen wir uns 1 ½ Stunden lang mit dem U-Bahnsystem vertraut, um zu unserem ersten Schlafplatz bei Rayan und seiner Familie in einem Vorort von Toronto zu kommen, der unglücklicherweise am anderen Ende der Stadt liegt. Dort angekommen klingeln wir die arme Familie aus dem Bett und sind ansonsten nur noch froh, endlich angekommen zu sein.

In den nächsten Tagen erkunden wir Toronto und schauen uns an, was man sich so angesehen haben sollte: China- und Koreatown, wo wir am liebsten alle zwei Meter angehalten und irgendeine Köstlichkeit gegessen hätten, deren Namen wir noch nicht kennen, Kensington Market, wo uns zum ersten Mal bewusst wird, dass Marijuana in Kanada wohl tatsächlich legalisiert wurde und den St. Lawrence Market, wo wir uns schwer zurückhalten müssen, nicht an jedem Stand alles zu kaufen… Auch mit kanadischem Bier und den dazugehörigen Preisen (ja, selbst wenn man in München gelebt hat) machen wir unsere ersten Erfahrungen und stellen nach drei Tagen Toronto alles in allem fest, dass wir den Einstieg in dieses Land und unsere Reise durchaus gelungen finden!

Sonntagnacht geht es mit dem Greyhoundbus weiter nach Montréal! Tagsüber waren wir noch in Toronto unterwegs, wo sich Kanada in seinem schönsten regnerischen Aprilwetter gezeigt hat. So haben wir am Busbahnhof zunächst mal die Aufmerksamkeit der Security auf uns gezogen, weil wir uns vor den Schließfächern aus unseren komplett durchnässten Klamotten geschält haben. Ne Flasche Wein aus der Papiertüte und ne sehr ungemütliche Busfahrt später, sind wir dann bei Thomas, einem Studenten aus Frankreich, in Montréal angekommen.

In Montréal wird uns zum ersten Mal so richtig bewusst, dass, zumindest an der Ostküste, Französisch in Kanada eine genauso wichtige Rolle spielt wie die englische Sprache – wir sind in Quebec angekommen! Mit Thomas verstehen wir uns auf Anhieb super und verbringen eine echt coole Zeit bei ihm. Auch Montréal gefällt uns gut, vor allem sprechen uns das Essen (Poutine, der ich laut Benny eigentlich ein eigenes Kapitel widmen müsste bzw. Buch, aber er hat die Hoheit über die Fußnoten, also siehe unten) und die Kneipen (Blues und Jazz) an.[1] Aber so langsam merken wir, dass uns die großen Städte, vielen Menschen und das Gedränge auf die Nerven gehen – wir wollen endlich was von Kanadas Natur und Weite erleben! Also beschließen wir nach einem letzten Abend auf dem Mont Royal, wo wir uns gemütlich die Stadt an- und anderen Menschen beim Sport machen zuschauen, dass wir jetzt mal langsam loslegen und von dem gemütlichen Touri-Leben Abschied nehmen: Ab morgen wird getrampt, im Zelt geschlafen und bis Quebec keine größere Stadt mehr angesteuert!

OK, wie in die „Wildnis“ kommen ist die nächste, für uns systemrelevante Frage! Nachdem wir uns mit Lebensmittelvorräten und Gaskartuschen eingedeckt haben, entscheiden wir uns für einen Regionalzug, der uns raus aus der Großstadt hin zu leichter „trampbaren“ Straßen bringen soll. Für 7,50 Dollar pro Person fahren wir zwischen müden Pendlern und genervten Großstädtern in unser großes Abenteuer. Angekommen im beschaulichen Mont Saint Hilaire laufen wir durch die etwas spießige Vorstadt und fühlen uns bereits jetzt sehr überlebenskünstlerisch zwischen den ganzen Fahrradwegen, Golfplätzen und SUV´s neben den verschneiten, aber wohlgepflegten Rosenhecken… Nach 5 km laufen sind wir dann aber endlich doch soweit im Nirgendwo (30 km von Montréal entfernt), dass wir in einem Waldstück auf einem Hang einen idealen Platz für unsere erste Nacht unter freiem Himmel finden.[2]

Nach einer ziemlich nasskalten Nacht geht es am nächsten Tag also tatsächlich los mit Trampen. Wir identifizieren eine passable Stelle und halten zunächst etwas zögerlich den Daumen raus… Nach 1 ½ Stunden mit anhaltendem Regen, zwei heißen Tassen Kakao und der ernsthaften Überlegung, doch zu Bennys Cousin nach Montreal zurückzufahren, werden wir dann entschlossener und Hugo mit seiner Hündin Nova sind die ersten, die uns mitnehmen. Von diesem Moment an beginnen wir diese Art der Fortbewegung zu lieben und uns auf jede neue Fahrt zu freuen! Leider spielt das Wetter an diesem Tag nicht mehr so richtig mit und wir müssen bei strömenden Regen in der Nähe eines mittelgroßen Bachs unser Zelt aufbauen. An tiefen Schlaf ist bei dieser Nässe und Kälte nicht zu denken und als ich um fünf Uhr morgens aus dem Zelt krieche, stelle ich fest, dass sich der mittelgroße Bach mittlerweile in einen respektablen Fluss verwandelt hat, der nur noch einen knappen Meter von unserem Zelt entfernt ist. Kurze Zeit später sitzen wir vollkommen durchgefroren in der Filiale einer allgegenwärtigen Dinerkette und trocknen erstmal für zwei Stunden. Trotz oder vielleicht auch wegen des Regens kommen wir an diesem Tag aber noch richtig weit und schlagen unser Zelt erneut an einem Fluss bei Drummondville auf in dem Wissen, dass es mit dem Wetter bergauf gehen soll.

In den nächsten Tagen wird Trampen zur Routine und wir lernen ziemlich lustige und abgefahrene Leute kennen: Einen Typ mit völlig zugemülltem Wagen, der seinen Hund nach einem gängigen Fastfoodsnack bennant hat (Pogo-Würstchen); ein Typ mit Berliner Kennzeichen (in Kanada kann man vorne jegliches Kennzeichen oder auch gar keins montieren), der zu Ehren von Bob Marley den ganzen Weg kifft; eine junge Mutter mit ihren zwei kleinen Kids, die uns angeboten hat bei ihr im Haus zu pennen, falls wir in „la merde“ sind; ein Pärchen, das verkatert war und deswegen beschlossen hat, nen „kleinen“ Ausflug von 200 km zu machen; einen pensionierten Kriminologen und zahlreiche weitere Menschen. Sie alle eint, dass sie uns meist wesentlich weiter fahren, als sie selbst gemusst hätten, besagter Kriminologe sogar bis direkt vor die Haustür unserer nächsten Unterkunft in Quebec!

„Are you the Hitchhikers?! Dann können wir auch deutsch reden“ werden wir an der Haustüre von Célina und Jason begrüßt. Etwas perplex bejahen wir die Frage und lernen Hexe kennen, einen Freund von unserem Gastgeber Jason, der zurzeit aus Deutschland zu Besuch ist. Nach einer äußerst wohltuenden (und nötigen) Dusche sowie einem kleinen Mittagsschlaf, sitzen wir abends in der WG-Küche und fühlen uns an Bennys alte Wohnung im Stuttgarter Westen erinnert. Es wird ein lustiger und denkwürdiger Abend werden :-)! Dementsprechend unmöglich erscheint es uns am nächsten Tag, uns dem üblichen Sightseeing-Wahnsinn auszusetzen… Da für die nächsten Tage zusätzlich Regen pur angesagt ist und uns die Vorstellung, mal wieder etwas länger an einem Ort zu bleiben auch sehr verlockend erscheint, fragen wir Célina und Jason, ob wir noch einige Tage länger auf ihrer Couch pennen können. So verbringen wir schlussendlich fünf Nächte in Quebec, genießen das WG-Leben (in der Menschen aus verschiedensten Ländern kommen und gehen), lernen die Stadt und das Kneipenleben kennen, helfen Jason beim Kochen für eine Studierendenversammlung und fühlen uns rundum wohl! Schließlich sehen wir auch ein, dass wir mit unseren Sommerschlafsäcken so nicht weiter campen können und gerade als wir überlegen, dass wir uns wohl oder übel noch einen warmen Schlafsack kaufen müssen, bietet mir Célina für die nächsten Wochen ihren eigenen an! An dieser Stelle muss ganz einfach noch einmal ein fettes Dankeschön an die Zwei gesagt sein!!!

Das nächste Ziel ist Tadoussac, ein kleiner Ort nördlich von Quebec City, der vorallem für seine Whalewatching-Touren bekannt ist und im Sommer wohl sehr touristisch sein soll (das Phänomen „soll touristisch und überlaufen sein“ wird uns noch öfter begegnen, ohne das wir etwas davon spüren – mindestens einen Vorteil hat es also schon, die Kälte auszuhalten). Eigentlich hatten wir mit mehreren Etappen bis nach Tadoussac gerechnet, wir haben aber das Glück von Real, der etwas nördlich lebt, in einem Rutsch mitgenommen zu werden. Es ist die erste Fahrt, auf der wir uns nur noch auf Französisch verständigen können (klappt besser als befürchtet). In Tadoussac sind wir die einzigen und ersten Campinggäste eines Hostels, das uns Célina noch empfohlen hatte – wir werden für dezent verrückt gehalten, da die Nächte eine „real feel“-Temperatur von bis zu -11° haben. Trotzdem verbringen wir auch dort eine wunderschöne Zeit, machen lange Wanderungen und wärmen uns in der hervorragenden Micro-Brasserie des Ortes bei Bier und leckerem Essen des Öfteren auf :-)…

Schließlich ist es aber Zeit den uns seit drei Wochen begleitenden St. Lorenz Strom zu überqueren und wir setzen mit der Fähre nach Rivière du Loup über. Zufälligerweise handelt es sich um den 01. Mai, ein Datum von dem wir überall gehört und gelesen haben, dass es den Startschuss zur Tourismussaison bedeutet. Auf der Fähre sehen wir dann auch zum ersten Mal das, weswegen soviele Menschen die Gegend besuchen: Waale – ein unfassbar geiles Erlebnis! Möglicherweise auch ein wenig davon beeindruckt entscheiden wir uns kurz darauf spontan, die fast schon sagenumwobene Gaspé-Halbinsel zu umrunden, anstatt auf direktem Weg nach Halifax zu fahren. Wir trampen noch am selben Tag bis zum Parc National du Bic, wo es zum einen wunderschön ist und zum anderen auch einen super Campingplatz geben soll. Einen großartigen Platz zum übernachten finden wir tatsächlich, offen hat aber immer noch nichts!

In den nächsten Tagen genießen wir den unbeschreiblichen Charme von Gaspésie, der sich nur schwer in Worte fassen und mit wenig uns bekannten vergleichbar ist. Die Landschaft ist einmalig: felsig, rau und windumtost. Die Ortschaften werden kleiner und seltener, auch beim Trampen merken wir deutlich, dass immer weniger Menschen unterwegs sind. Diejenigen, die uns mitnehmen, sind zu Beginn oft etwas verschlossener, tauen aber ausnahmslos nach kurzer Zeit auf, vorallem wenn wir ihnen in gebrochenem Französisch erzählen, wer wir sind, was wir machen und vor allem noch alles vorhaben. So kommt es, dass wir einige unserer fantastischsten Begegnungen während dieser Zeit erleben dürfen: Da ist beispielsweise Paul, den wir völlig erschöpft vor seinem Haus ansprechen, nachdem wir uns am Strand kilometerlang mit einem Übernachtungsplatz verspekuliert haben. Er fährt uns kurzerhand zu einem super Platz und gibt uns noch Bananenbrot und Saft für die kalte Nacht mit. Da ist Annie, die uns anbietet in ihrem Garten zu campen, damit wir eine heiße Dusche nehmen können. Da ist Pierre, der Chansons schreibt und singt (und dessen CD, die er uns schenkt, ein Highlight auf den langen Busfahrten ohne Radioempfang wird). Er nimmt uns mit zu seinen Lieblingsplätzen der Halbinsel und lädt uns ein im Juni wiederzukommen – um nur einige wenige der tollen Begegnungen zu erwähnen, die wir in dieser Zeit erleben.[3]

Trotzdem wird es für uns langsam Zeit, etwas mehr in Richtung Halifax zu kommen. Es liegen immer noch über 600 km vor uns und wir haben mittlerweile den Ehrgeiz entwickelt, auch den Rest der Strecke trampend zu bewältigen. Von Campbellton, quasi dem „Ende“ der Gaspé-Halbinsel peilen wir als nächstes Ziel die Hopewell-Rocks im Süden der nächsten Provinz New Brunswick an. Und tatsächlich schaffen wir die Distanz von 370 km an einem Tag, vor allem Dank eines Schiffsmechanikers (mit dem wir mal wieder eine sehr leckere Poutine essen). Die Hopewell-Rocks sind ein weiterer Tourismus-Magnet in der Bay of Fundy, die für die höchste jemals gemessene Tide bekannt ist. Als wir am frühen Abend dort ankommen hat auch dieser Park noch geschlossen und wir können (so semi-legal) direkt am Strand übernachten. Am nächsten Tag haben wir das ganze Spektakel zusätzlich fast für uns allein!

Es geht weiter Richtung Osten und hin zu unserem Bus! Mittlerweile ist es Dienstag und nach nochmaliger Verspätung haben wir die Nachricht bekommen, dass am Donnerstag der Kleine Onkel endlich in Kanada ankommen soll. Zwar ist es in den letzten Tagen kontinuierlich etwas wärmer und sonniger geworden, wir können es aber so langsam trotzdem kaum mehr erwarten, in unserem eigenen Bettzeug zu pennen, nicht mehr jede Nacht und vor allem morgens frieren zu müssen und auch mal was anderes, als unsere Trekking-Klamotten zu tragen. Umso mehr freuen wir uns, das wir auch das letzte Stück der Strecke an einem Tag schaffen. Unglaublich, aber wir haben es tatsächlich per Anhalter bis nach Halifax geschafft!!![4]

Noch cooler, dass wir bei Heather und ihrer Familie in Halifax nach 10 Tagen mal wieder Wäsche waschen können. So verbringen wir den Abend in Bikini und Badehose, den einizgen Kleidungsstücken, die wir die letzen Wochen nicht benötigt haben, mit Mac´n`Cheese und freuen uns darauf am nächsten Tag alles für die Abholung unseres Busses klar zu machen.

Eigentlich hätte das erste Kapitel an diesem Punkt enden sollen, aber das wäre ja langweilig gewesen. Nachdem wir am nächsten Morgen ganz gemütlich gefrühstückt, die Sonne genossen und mal wieder ein Lebenszeichen nach Deutschland geschickt haben, rufen wir voller Vorfreude bei der Spedition an und erfahren, dass sich die Abholung nochmal um fünf Tage verschiebt! Die in unseren Augen einzig logische Reaktion ist es, in die nächste Bar zu gehen, einen Pitcher Bier zu bestellen und währenddessen zu überlegen, wie wir die nächsten Tage bestmöglich nutzen können! Wie das nächste Kapitel zeigen wird, ist uns das tatsächlich auch ganz gut gelungen.

Resümee: Mehr als 46 Menschen haben uns die gut 2500 km von Montreal bis Halifax mitgenommen – wir haben wahnsinnig viele spannende Geschichten gehört und lustige Erfahrungen gemacht! Wir werden diese Art des Reisens auf jeden Fall vermissen, denn anders hätten wir nie soviel über das Land, die Menschen in Kanada und ihr Leben erfahren – Ihnen allen gilt unser Dank!


[1] Poutine „isstgleich“ wer jetzt ein Rezept erwartet liegt falsch! POUTINE ist so ziemlich der geilste, perveseste Shit der Fastfood-Snacks unter der östlichen Galaxie des kanadischen Himmels!!!

[2] „Gott“ sei Dank, hatte ich das Bear Gryls Survival Knife Pro dabei – wie hätte ich denn sonst die Haferflockenpackung aufbekommen?!

[3] An dieser Stelle seien vielleicht noch kurz die „Icebreaker“ unserer Konversationen erwähnen – gleichzeitig die Themengebiete, bei denen wir uns mittlerweile in fließendem Französisch unterhalten können: 1. Die vor kurzem begonnene Hummer- und Schneekrabbensaison; 2. Das Wetter, mit besonderem Augenmerk auf den Schnee und vielen Regen; 3. Hockey mit seinen ganz speziellen kanadischen Besonderheiten; 4. Die jeweilige Einwohner*innenzahl der nächstliegenden Stadt

[4] Vor einigen Jahren sind wir mit dem ehrgeizigen Plan gestartet, innerhalb von drei Wochen von Stuttgart bis nach Bukarest zu trampen – das war leider streckenweise ziemlich zäh, weswegen wir uns umso mehr gefreut haben, dass es in Kanada so hervorragend mit dem Trampen geklappt hat!



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