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Kapitel 5: In den Bergen

In den Bergen: Juni bis irgendwann im Juli 2019

Über die Rocky Mountains zu schreiben ist irgendwie nicht ganz einfach (vermutlich hat es auch deshalb mal wieder etwas länger gedauert). Klar könnte ich problemlos ein landschaftliches Superlativ ans nächste hängen, aber das ließt sich bekanntlich nicht sonderlich spannend. Ursprünglich hatte ich die (zugegebenermaßen etwas schreibfaule) Idee, einfach ein Bilderkapitel zu machen und mich so elegant aus der Affäre zu ziehen. Leider ist uns zwischenzeitlich aber das passiert, was einem unweigerlich irgendwann auf Reisen geschieht: wir haben unlängst einiges an Bildmaterial auf einer fehlerhaften Speicherkarte „verloren“.[1] Hier also der Versuch, die Erlebnisse und Eindrücke zu verschriftlichen (ergänzt natürlich durch die übrig gebliebenen Bilder)…

Angekommen im legendären Banff-Nationalpark ergattern wir einen der letzten freien Plätze auf dem von uns auserwählten (weil bezahlbaren) Campingplatz. Schon auf dem Weg dorthin ist uns aufgefallen, dass die Saison nun endgültig begonnen hat, da sich ein Wohnmobil ans nächste reiht. Trotzdem füllt sich der Campingplatz im Laufe des Abends immer mehr und die Leute stellen sich einfach kreuz und quer irgendwohin. Im Zuge dessen lernen wir Nathalie und Jim aus Whistler kennen, die einen T3 VW-Bus fahren und denen wir sehr gerne anbieten, sich den Platz mit uns zu teilen (unsere beiden kleinen Busse sind immer noch nur halb so groß wie die abartigen Geschosse, die hier normalerweise so rumfahren). Die beiden revanchieren sich mit selbstgebackenen kanadischen Spezialitäten, jeder Menge hilfreichen Tips rund um VW-Busse und einer Einladung sie im Herbst in Whistler zu besuchen.

Tagsdrauf lernen wir den „Wahnsinn“ im Banff-Nationalpark aber erst so richtig kennen. Für unsere Verhältnisse früh morgens um neun sind wir am Lake Luise, dem See, der so ziemlich jeden Prospekt über Kanada als Titelbild ziert. Etwas irritiert lesen wir die Anzeigen, dass bereits alle Parkplätze belegt sind und die freundliche Dame vom Visitor Center bestätigt uns, dass bereits ab sechs Uhr morgens kein Parkplatz mehr zu haben sei. Wir könnten es aber noch einmal abends probieren, vielleicht hätten wir ab 18 Uhr wieder etwas mehr Glück. Um es kurz zu machen: dieses Phänomen begegnet uns die nächsten Wochen immer wieder und das nicht nur im Banff-Nationalpark, sondern auch im Jasper-, Kootenay-, Yoho- und (bedingt) im Glacier-Nationalpark. Uns ist natürlich klar, dass auch wir Teil des Hypes um die touristischen Top-Ziele Kanadas sind und diese Attraktionen nicht auslassen wollen, trotzdem ist das irgendwie nicht ganz das, was wir uns erhofft hatten. Deshalb entschließen wir uns am nächsten Tag, nachdem wir trotzallem eine sehr schöne Wanderung zu den „Ink-Pots“ unternommen haben und Lake Luise abends verhältnismäßig ruhig bestaunen konnten, über das Wochenende erst einmal raus aus den Nationalparks zu fahren. Es steht ein langes Wochenende rund um den Canada Day an, der genau an meinem Geburtstag stattfindet und mir ist eher nach gemütlich als Feuerwerk und super Trubel.

Abseits der geteerten Straßen und damit auch den Menschenmassen, finden wir im Kootenay-Nationalpark einen Platz, der so wunderschön und friedlich ist, dass er mit Worten kaum beschrieben werden kann. Zu meinem Geburtstag gibt´s so nicht nur jede Menge leckeres Essen (Blaubeer-Pancakes und Sekt zum Frühstück, abends selbstgemachte Rippchen mit Krautsalat) und Cesars (die kanadische Version von Blody Marys), sondern auch puren Sonnenschein, eine Blumenwiese durch die sich ein kleiner Bach schlängelt und ungelogen hunderte von Erdmännchen – ziemlich perfekt also ;-)!

Den nächsten Tag entspannen wir uns nochmal und genießen die schöne Umgebung, bevor wir dann weiter müssen, da sich unsere Vorräte langsam dem Ende zu neigen. Da wir eh Richtung Süden wollen, beschließen wir eine längere Strecke über Schotter zu fahren (50 km), anstatt denselben Weg zurück zu nehmen (da kleiner Umweg, dafür wärs halt weniger lang Schotter). Nach etwa zehn Kilometern ist es soweit: unsere erste Reifenpanne. Wir laufen los, holen unsere Radkappe und lesen im Handbuch noch einmal kurz alles Wissenswerte zum Radwechsel nach. Alles nicht weiter schlimm, nen Rad geht halt mal kaputt. Blöd wirds, als wir ne halbe Stunde später resigniert feststellen müssen, dass wir keine Chance haben die Radschrauben zu lockern, weil unser Werkzeug partout nicht passen will. Plötzlich verwandelt sich die absolute und willkommene Einsamkeit der letzten Tage zum Problem: es ist weit und breit kein Fahrzeug geschweige denn Mensch zu sehen, der uns hefen könnte – und das im Grizzlybären-Gebiet! Auch nach einer weiteren Stunde warten ist kein menschliches (und zum Glück auch kein tierisches) Wesen aufegtaucht, also beschließen wir, die sechs Kilometer bis zur nächsten Kreuzung zu laufen, in der Hoffnung, dass auf dieser Straße vielleicht mehr Verkehr ist. Nachdem wir einige kryptische Zeichen neben unserem Bus in den Schotter geritzt haben, laufen wir los. Glücklicherweise holt uns nach etwa zwei Kilometern ein alter Schulbus ein, der unterwegs ist um einige Rafter weiter südlich einzusammeln. Der Fahrer teilt uns mit, dass er jetzt erstmal weiter muss, er aber in etwa drei Stunden zurückkommt und uns dann gerne hilft. Long Story short: nachdem wir fünf Stunden in der Einsamkeit rumgehangen sind, lediglich ein weiteres Fahrzeug vorbei gekommen ist (Radkreuz hat auch nicht gepasst) und wir das VW-eigene Werkzeug zum Teufel gewünscht haben, bekommen wir dank dem Rafting-Schulbus unseren Reifen gewechselt und beschließen den Tag mit einigen Kaltgetränken und nicht zu unterschätzendem Glücksgefühl!

Die anschließenden Tage verbringen wir damit uns neue Reifen zu besorgen (wir entscheiden uns für Winterreifen mit deutlich mehr Profil – ein Segen, wie sich noch herausstellen soll), Angeln am Kootenay Lake und langsamen voran tingeln durch die Wein- und Obstanbaugebiete Kanadas, die landschaftlich was ganz anderes, aber auch sehr schön sind. Da wir den nächsten Nationalpark definitiv nur unter der Woche anschauen wollen verbringen wir außerdem noch ein sehr entspanntes Wochenende am Box Lake. Dort lernen wir erneut ein wahnsinnig nettes Ehepaar aus der Gegend kennen, die uns unseren ersten Anlaufpunkt für Mexiko geben, wo sie immer den Winter verbringen und wir uns jetzt schon für ein Wiedersehen verabreden. Damit uns aber nicht zu langweilig wird, krabbelt dort Benny nachts Maus No. 2 über den Arm[2] – wir sind uns noch nicht so ganz klar, ob Zufall oder olfaktorische Hinterlassenschaften von Maus No. 1 der Grund dafür sind.

Zurück in den Nationalparks verbringen wir unsere Tage mit wunderschönen (und sau anstrengenden) Wanderungen, schauen uns weitere unfassbar türkisene Seen an (die irgendwie viel schöner als Lake Luise sind), übernachten mit Blick auf überwältigende Wasserfälle, bestaunen den Athabasca Glacier (und werden nachdenklich aufgrund seines dramatischen Schrumpfens in den letzten Jahren) und verlangen unserem kleinen Onkel mit der Fahrt auf dem Icefields Parkway, der höchsten Straße Nordamerikas nochmal einiges ab (was er mit Stottern und deutlich weniger Power quittiert). Neben schönen Bekanntschaften wie bspw. Collin und seinem Hund Sawyer aus Portland, der uns prompt zu sich nach Hause einlädt, machen wir auch weniger schöne Bekanntheit mit krassen Tabakpreisen (35 kanadische Dollar für ein Päckschen, was mich für zwei Monate zur „Wenig-Raucherin“ macht).

Mitte Juli kommen wir dann in Jasper an und damit dem Ende unserer Zeit bei den Attraktionen, weswegen tausende Menschen hauptsächlich den Westen Kanadas besuchen. Es ist nicht zu leugnen, es handelt sich um eine wahnsinnig beeindruckende Natur und wir sind dankbar, dass wir das alles selbst sehen und erleben durften! Trotzdem freuen wir uns jetzt wirklich darauf Richtung Yukon Territory zu fahren und damit wieder in die Weite und Einsamkeit Kanadas zu kommen, die wir so sehr lieben gelernt haben – trotz der „Reifenpannensituation“ ;-)…


[1] Hier erneut ein großes Dankeschön an Jo, der mal wieder unsere absolute technische Unkenntnis kompensiert hat!

[2] Scheiß blödes Drecks-Vieh, läuft die einfach über meinen Arm und hat bestimmt auch noch Spaß daran gehabt… Der Blick am nächsten Tag in die Mausefalle war dann doch sehr befriedigend 😉

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Wahnsinn der krasse Unterschied zwischen Wildnis, Einsamkeit und völliger Touristen Überflutung. Aber sehr spannend dies so lebendig erzählt mit erleben zu können

    1. Das ist es tatsächlich… Aber der Unterschied macht es auch aus und je nachdem, was wir gerade mehr hatten, freuen wir uns dann auch immer auf das jeweilig Andere! Danke auch, für Deine regelmäßigen Kommentare und Anregungen – das hilft, den Blog Stück für Stück zu verbessern 🙂

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