Kapitel 13: Yucatán – im Land der Maya

Kapitel 13: Yucatán – im Land der Maya

06. Januar – 31. Januar 2020; Mexiko: Quintana Roo, Yucatán, Campeche, Tabasco, Chiapas

Manchmal sind unspektakuläre Plätze ja irgendwie geil! Nachdem wir Lise zum Flughafen gebracht haben, finden wir uns auf genau so einem Platz in Cancun wieder. Haben wir Besuch, gehen wir natürlich viel auf Campingplätze, schließlich sind die Menschen im Urlaub und es verlangt sie in der Regel nach ein wenig Erholung. Jetzt bleiben uns vier Tage, bis der nächste Besuch ankommt und wir beschließen unserem Geldbeutel eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Im sehr teuren und touristischen Cancun übernachten wir deshalb auf einem Rastplatz hinter dem Tankstellengebäude – genau wir ca. 30 LKW-Fahrer pro Nacht. Was soll ich sagen, uns gefällt´s und wir knüpfen jede Menge interessante Kontakte ;-)!

In den folgenden vier Tagen haben wir viel zu tun: Auf unserer To Do-Liste (ja, die haben wir auch ohne geregelte Arbeit) stehen an oberster Stelle Werkstatt, Autowäsche und Tierarzt. Zunächst läuft alles hervorragend: Dank Antonio, dem wahrscheinlich besten KfZ-Mechaniker auf Yucatán, werden wir endlich ein äußerst unangenehmes Quietschen los, das uns seit Kanada begleitet hat. Zum Glück hab ich nicht wirklich eine Ahnung, wieviele schweißtreibende Stunden wir deshalb erfolglos unterm Bus gelegen sind. Auch der Tierarzt Edgar erweist sich als Volltreffer. Zora bekommt alle erforderlichen Impfungen für die Einreise nach Belize und am nächsten Tag wollen wir noch einmal kurz vorbei, um das benötigte Gesundheitszertifikat abzuholen. Dann wendet sich das Blatt… Zora wacht am nächsten Morgen auf, humpelt stark und jault vor Schmerzen. Nach zwei weiteren Tierarztbesuchen lautet die Diagnose: Bein agebrochen.[1] Die nächsten drei Wochen müssen wir sie tragen.

Zum Glück überwiegt später am Tag die Vorfreude auf das Wiedersehen mit meinem Dad nach über neun Monaten unterwegs. Nach Flugverspätung, kleineren Einreiseschwierigkeiten und den ersten heftigen Regenfällen seit Wochen, müssen wir kurzfristig doch für eine Nacht auf einen, der bereits angesprochenen teuren Campingplätze in Cancun. Das ist uns in dem Moment aber wirklich vollkommen egal! Bei mexikanischem Bier, Guacamole und Quesadillas genießen wir den ersten gemeinsamen Abend – bis wir um sage und schreibe 22 Uhr alle vollkommen übermüdet ins Bett fallen.

Unser erstes Ziel zu dritt ist El Cuyo, ein kleiner Fischerort an der Nordküste der Yucatán-Halbinsel. Hier wollen wir erstmal ein paar Tage entspannen und Urlaub machen. Spontan finden wir einen kleinen Campingplatz mit einer Cabaña (das sind kleine Hütten, mal mit Dusche und Küche, mal ohne) für meinen Papa. Leider liegt der Platz nicht direkt am Wasser, dieses Privileg erhält in El Cuyo nur noch, wer über AirBnB bucht. Aber wir haben Palmen, Kokosnüsse und Hängematten – da wollen wir uns definitiv nicht beklagen. Die nächsten Tage machen wir dann tatsächlich auch nur das, was man im Urlaub halt so macht: wir genießen unglaublich viel leckeres mexikanisches Essen, chillen am karibisch weißen Sandstrand, gehen schwimmen im lauwarmen Wasser, trinken Bier, lesen und bringen uns auf den neusten Stand, was in den letzten Monaten so alles passiert ist.

Da wir uns vorgenommen haben alles etwas entspannter anzugehen, fahren wir als nächstes einfach nur ein Stückchen weiter in den Küstenort Rio Lagartos. Von dort aus werden Bootstouren durch die Mangrovenwälder einer Lagune angeboten – scheinbar mit Krokodil- und Flamingogarantie! Wir übernachten bei einem kleinen Restaurant, Papa schläft im Bus und Zora entdeckt ihre Vorliebe, sich gegen Zeltwände zu schmeißen :-). Zu unserer Freude hält die Bootstour, was sie verspricht. Neben unzähligen Vögeln, deren Namen ich fast ausschließlich sofort wieder vergesse, entdecken wir ein fast schon niedliches Babykrokodil, ein ziemlich beeindruckendes großes Kroko und jede Menge rosarote Flamingos. Außerdem sehen wir die „Las Colorados“, rosa Salzseen die uns, umgeben von einer weiß glitzernden Salzwüste, das Gefühl geben auf einem anderen Planeten zu sein.

Wir stellen fest, dass wir Fans von kurzen Strecken sind und landen in Valladolid, einer weiteren wunderschönen Kleinstadt in Mexiko. Auf dem Weg dorthin nehmen wir die Gelegenheit wahr und hüpfen in eine weitere kühle Cenote. Nach den ersten regnerischen Tagen ist mittlerweile wieder brütend heiß und wir können eine Erfrischung gut vertragen. Umso mehr freuen wir uns über die schattenspendenen Bäume des städtischen Zoos in Valladolid, wo wir die kommenden Tage unsere Zelte aufschlagen. Auf dem Gelände werden die unterschiedlichsten Obstbäume kultiviert, Agavenfelder bewirtschaftet, Wiesen und Seen gepflegt und rießige Leguane bewegen sich frei nach Lust und Laune.

Valladolid besticht durch sein koloniales Erbe, das sich zumindest bei den Gebäuden, Kirchen und Straßen von seiner schönen und farbenfrohen Seite zeigt. Zu erwähnen ist auch die yucatanische Küche, die nicht nur äußerst lecker schmeckt sondern auch durch eine Gewürzvielfalt besticht, die für uns gänzlich neu ist. Überhaupt hat sich unser Speiseplan seitdem mein Papa mit uns unterwegs ist um einiges verfielvältigt und wir schlemmen uns ganz schön durchs Leben. Aber gut, wir haben ja auch beschlossen, dass wir jetzt quasi mal „Urlaub“ machen :-)… Auf dem großartigen Mercado Municipal von Valladolid erweitern wir ganz in diesem Sinne auch unser Gewürzrepertoire und kaufen spontan mal alle Gemüsesorten, die uns die Dame vom Marktstand empfiehlt (einiges davon haben wir noch nie in unserem Leben gesehen). Nach drei Tagen in Valladolid fällen wir außerdem eine Entscheidung: wir beschließen (vorerst) nicht nach Belize zu fahren. Zum einen ist uns die Einreise und der ganze Papierkram mit Hund momentan einfach zu stressig, zum anderen sind viele der attraktiven Spots in Belize auf Inseln und per eigenem Fahrzeug gar nicht erreichbar. Zudem hat Mexiko ja auch noch einiges zu bieten…

Bevor ich weiter berichte sei an dieser Stelle eine kleine Erklärung zur Kapitelüberschrift gemacht: Die Halbinsel Yucatán ist berühmt für ihre zahlreichen Mayaruinen und deren reiches kulturelles Erbe. Trotzdem ist es eigentlich nicht ganz korrekt, nur bei dieser Halbinsel vom „Land der Maya“ zu sprechen. Nicht nur in vielen anderen Teilen Mexikos, auch in Guatemala und ganz Zentralamerika finden sich Spuren des einst so mächtigen und imposanten Reiches. Aber gut, irgendwie muss ein Kapitel ja heißen und wir schauen uns in dieser Zeit besonders viele der Ruinen an. So auch Chichen Itzá, die wahrscheinlich berühmteste aller antiken Mayastätten. Sie gehört zu den sog. „neuen sieben Weltwundern“ und ist besonders für meinen Dad ein absolutes must-see. Wir schlafen ganz in der Nähe bei einem kleinen Ecohotel (laut meinem Papa muss das ein Synoym für „besonders einfache Ausstattung“ sein) und sind am nächsten morgen schon vor 08 Uhr da. Eine durchaus lohnenswerte Strategie wie sich herausstellt, da es bereits zwei Stunden später drückend heiß ist und sich selbst bei einem so großen Gelände wie Chichen Itzá die Menschenmengen nicht mehr wirklich verteilen. Als Belohnung für unser frühes Aufstehen können wir so jedoch die beeindruckenden Bauten und Zeugnisse eines hochkomplexen mathematischen und astronomischen Wissens ganz in Ruhe anschauen (aus purer Faulheit und Mangel an Worten möchte ich an dieser Stelle gerne schon mal auf die umfangreichen Bilder zu diesem Kapitel verweisen).

Naja und weil wir grad im flow sind fahren wir direkt weiter nach Tulum – ebenfalls berühmt für seine Ruinen direkt am karibischen Meer (und als touristischer Partyhotspot, was uns allerdings eher weniger interessiert). Erneut wenden wir das Konzept des frühen Aufstehens an und werden auch diesmal nicht enttäuscht. Die Ruinen von Tulum sind weder so groß noch so gut erhalten wie die von Palenque oder Chichen Itzá, die Lage am Meer ist aber unbeschreiblich schön! Mit ein bisschen Fantasie kann man sich ganz gut vorstellen, wie beeindruckt die spanischen Konquistadoren von der Modernität und Stabilität der Befestigungsmauern sowie der Schönheit der Tempel gewesen sein müssen, als sie im 16. Jahrhundert daran vorbei schipperten.

Nach soviel Kultur und Disziplin verlangt es uns nun aber wieder danach, ein wenig den „Schlendrian“ raushängen zu lassen. Im Lonely Planet lesen wir (und ich weiß, dass mit dieser Art der Recherche eigentlich schon alles verkehrt gelaufen ist) von einem netten kleinen Fischerort die Küste runter. Wir freuen uns noch einmal auf ein paar Tage in der Karibik, leckeren Fisch und Entspannung. Nun denn, was wir finden ist ein wirklich schöner Platz, wo wir direkt auf dem klischeehaft weißen Sandstrand stehen, ausgezeichneten Fisch und Liegestühle… allerdings ist hier weder etwas klein, noch Fischerdorf, noch ruhig! Mahahual ist ein äußerst beliebtes Tagesziel für Kreuzfahrtschiffe in der Karibik, dementsprechend ankert hier jeden morgen einer dieser schwimmenden Vergnügungsparks, spuckt ca. 2000 Menschen aus seinem Bauch, die die Stadt fünf Stunden lang mit Quads, bester Unterhaltungsmusik in feinster Mallorca-Manier und mucho Dollares in Beschlag nehmen, um dann abends wieder abzulegen und einen weiteren authentisch karibischen Ort zu besuchen. Trotzdem schauen wir uns das Spektakel in und um Mahahual drei Tage lang an. Wie schon gesagt, wir haben einen netten Platz etwas außerhalb und lediglich als wir dringend Geld abheben müssen, holt uns der Wahnsinn nochmal ein: im ganzen Ort gibt es keinen funktionierenden Geldautomat, der Pesos ausspuckt – dafür drei, bei denen wir amerikanische Dollar bekommen könnten! Und so gut uns das karibische Meer und der Strand gefallen, es wird dringend Zeit weiterzuziehen und wieder ins „normale“ Mexiko zurück zufahren.

Auf dem Weg dorthin machen wir Halt bei der Laguna Bacalar, ein wunderschöner See mit kristallklarem Wasser und weißem Sandboden. Wir übernachten bei einem Balneario, einem Strandbad, und obwohl auch die Laguna ein sehr beliebtes Ausflugsziel ist, sind wir guter Dinge wieder etwas ruhigere Nächte zu haben. Fataler Trugschluss! Nach stundenlanger nächtlicher Beschallung durch die benachbarte Disko werden wir morgens um 08 Uhr unsanft von der Besitzerin des Platzes aus dem Zelt geworfen. Wir müssen sofort einpacken, damit die ca. 20-köpfige Mannschaft mit Gartenbau- und Laubarbeiten beginnen könne. Freundlich erkundigen wir uns, ob unter den gegebenen Umständen eventuell ein kleiner Preisnachlass möglich sei – nöö, ist es nicht! Erst nach weiteren 150 km finden wir wieder einen Platz im Dschungel, wo Brüllaffen und des nachts leuchtende Spinnen unsere einzige Gesellschaft sind.

Mittlerweile ist es Ende Januar und wir planen bald nach Guatemala zu fahren. Wir haben ein Gesundheitszeugnis vom Tierarzt für Zoras ersten Grenzübertritt, das auf den 31. Januar 2020 vordatiert ist – es bleiben uns also noch ein paar Tage bis wir ins vierte Land unseres Abenteuers einreisen können. Mein Dad hat beschlossen uns noch ein wenig länger zu begleiten und würde sich sehr gerne auch die Ruinen von Palenque anschauen. Also fahren zurück und während er durch die Ruinen läuft, verschaffen wir uns einen Überblick über die anstehenden Besuche und Etappen unserer Weiterreise bis nach Panama. Zahlreiche Menschen haben sich angekündigt und wir müssen tatsächlich ein wenig schauen, dass wir nicht den Überblick verlieren.[2] Mit dem Besuch von Palenque sind wir zurück in Chiapas und auch ich hab noch ein Wunschziel auf meiner Liste, an dem wir letztes Mal mit Lise aus Zeitnot vorbeifahren mussten: die Wasserfälle Agua Azul. Dazu müssen wir ein Stück über die mit Topes überladene Straße zurück in Richtung San Cristobal, über die ich mich im letzten Kapitel bereits ausführlich ausgelassen habe (siehe auch Kapitel 12: Viva la México!). Aber der Weg lohnt sich, die Wasserfälle sind wirklich unglaublich schön und laden während der halbstündigen Wanderung immer wieder dazu ein, in eine der vielen Gumpen zu hüpfen.

Nach einer Nacht auf dem örtlichen Fußballplatz wird es uns allerdings auch bei Agua Azul ein wenig zu trubelig, zahlreiche Verkaufsstände, Imbissbuden und geschäftstüchtige Kleinkinder säumen den Weg entlang der Wasserfälle. Wir übernachten spontan im Centro Ecoturismo Otulum bei einer Familie in deren Garten. Es ist der einfachste Platz auf dem wir seit langem stehen, aber auch einer der schönsten. Wir benutzen die Toilette der Familie, baden im Fluss und verbringen den Abend mit den entzückenden Kids. Besonders der 13-jährige Cristobal will alles über unseren Bus, unsere Reise und unser Leben in Deutschland wissen – ich gebe zu, ich bin ein bisschen vernarrt in den Bub. Zum Abschied schenken wir ihm und seinen Geschwistern unser noch nie genutztes Federballspiel. Selten haben wir gesehen, dass sich Kinder so sehr über ein Geschenk freuen.

Bevor wir Mexiko Lebewohl sagen, stehen wir zwei weitere Nächte nahe der guatemaltekischen Grenze in Tenosique. Dort bereiten wir alle Papiere für den Grenzübertritt vor, genießen bei strömendem Regen endlich die Flasche Wein unseres Lieblingsweinhändlers, die Papa mitgebracht hat und lassen unsere Zeit in Mexiko Revue passieren. 2 ½ Monate waren wir in diesem aufregenden, manchmal chaotischen und äußerst abwechslungsreichen Land. Eindeutig zu kurz wie wir rückblickend feststellen, aber dieses Gefühl kennen wir bereits aus Kanada und den USA. Und tatsächlich ist es ja irgendwie schön, dass wir bislang jedes Mal dachten: hierher will ich noch einmal zurück! Hier gibt es noch so viel zu entdecken! Hier könnte ich mir vorstellen, länger zu bleiben!

Diesmal lohnen sich die Fotos wirklich sehr :-)! Viel Vergnügen mit der Bilderreise


[1] Wann und wie genau das passiert ist, können wir nicht endgültig klären… vermutlich ist sie irgendwann mal von zu weit oben runter gesprungen oder hat ein bisschen zu wild rumgetobt!

[2] Rückblickend betrachtet natürlich reichlich absurd, dass uns die Besuche in organisatorische Schwierigkeiten gebracht haben. Von den geplanten sieben Menschen, haben es noch zwei zu uns geschafft – dann ist es erstmal vorbei mit dem Reisen rund um die Welt!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Bruno

    Kapital 13. Mal wieder eine Superzusammenfassung mit den passenden Bildern. Hat meine Erinnerungen wieder ganz lebendig gemacht. Danke für jedes Kapitel, vor allem nachdem ich miterlebt habe, wieviel Mühe, Zeit und Vorbereitung drinsteckt.

    1. Lena & Benny

      Schön! Es freut uns sehr, dass die Erinnerungen so auch wieder in Plattenhardt lebendig werden :-)!

  2. Gerrit

    Hey ihr 2! Wie immer schön zu lesen, wieviel spass ihr bei eurer reise habt! Irgendwelche gefährlichen oder gruseligen momente in mexico gehabt? Frag nur, weils das klischee hergibt. Auf unserer reise waren die angeblich gefährlichen länder auch harmlos😉
    Lassts euch gut gehn und bleibt gesund!
    Gruss
    Gerrit

    1. Lena & Benny

      Ganz ehrlich: überhaupt nicht! Klar ein- oder zweimal war die eine oder andere Situation etwas nervig, aber nerviges erlebt man ja überall! Wir sind übrigens endlich mal dazu gekommen auch Euren Blog vom Balkan zu lesen (Schande über unser Haupt, dass es so lange gedauert hat)… Mega schön, haben direkt wieder Lust auf eine Balkan-Tour bekommen ;-)!
      Lasst’s euch gut gehen und viele Grüße,
      Lena und Benny

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