Kapitel 14: Guatemala

Kapitel 14: Guatemala

31. Januar – 15. März 2020; Guatemala: Petén, Izabal, Zacapa, Guatemala, Escuintla, Sololá, Sacatepéquez

Guatemala – Land der Gegensätze! Weiße Karibikstrände und schwarzer Sand an der Pazifikküste; wilde Vulkanlandschaften und der endlos scheinende Dschungel des Petén; bitterkalte Nächte, schwüles Tropenklima und sengende Hitze; kristallklare Bergseen und karge Wüsten; von der Außenwelt abgeschnittene Mayadörfer, das koloniale Antigua und die versmogte Millionenmetropole Guatemala Stadt; bunte Märkte, die einzigartige Küche der Garifuna und der weltberühmte Kaffee – das alles wollen wir 1 ½ Monate lang anschauen, schmecken und erkunden. Mittlerweile scherzen wir darüber, dass wir wohl bald die guatemaltekische Staatsbürgerschaft annehmen – aber das ist eine andere Geschichte.

Die Einreise nach Guatemala ist der insgesamt sechste Grenzübertritt unserer Reise und damit eigentlich nichts besonderes mehr. Allerdings ist es der erste mit Hund und wir sind gespannt, wie das ablaufen wird. Langsam nähern wir uns dem mexikanischen Grenzposten, sehen keine Menschenseele und sind plötzlich in Guatemala – das war ja einfach, denken wir erstaunt und wollen in Guatemala einchecken. Der betagte Grenzbeamte durchblättert gemächlich unsere Pässe von vorne bis hinten… er seufzt und blättert erneut, um es spannend zu machen diesmal von hinten nach vorne! Nach fünf Minuten schüttelt er bedauernd den Kopf und meint eine Einreise sei leider nicht möglich. Wir sind erstaunt, schließlich ist das der simple Teil der Übung, die Einfuhr unseres Fahrzeugs und des Haustieres steht ja erst noch bevor. Glücklicherweise stellt sich bald heraus, dass wir lediglich vergessen haben uns aus Mexiko auszustempeln. Also parken wir den Bus im Niemandsland, gehen zurück nach Mexiko und warten dann, bis der guatemaltekische Grenzbeamte nach weiteren fünf Minuten pro Pass eine ihn ansprechende Seite gefunden hat (es ist Seite No. 1).

Währenddessen sind auch die Menschen vom, ich nenn es jetzt mal „Seuchenschutz“ auf uns und unseren Hund aufmerksam geworden. Neben dem ganzen Papierkram für die temporäre Einfuhr des Autos werden jetzt die Unterlagen für den Hund genauestens unter die Lupe genommen. Zum Glück haben wir das Gesundheitszeugnis und den Nachweis für die Tollwutimpfung am Start, trotzdem müssen noch zwei weitere Formulare ausgefüllt, Kopien gemacht und eine Untersuchung vorgenommen werden – zusätzlich zur Einreisegebühr versteht sich.[1] Wir müssen ziemlich schmunzeln, denn während wir hin und her rennen um alles zu besorgen, registrieren wir ziemlich viele „illegale“ Grenzübertritte: Hühner, Schweine und vor allem Hunde gehen ungehindert hinter dem Kontrollposten zwischen Mexiko und Guatemala hin und her! Ob die wohl jemals in ihrem Leben eine Tierarztpraxis von innen gesehen haben? Aber egal, Ordnung muss sein und nach 2 ½ Stunden wäre auch diese Grenze geschafft.

Auch wenn wir uns in letzer Zeit sehr viele Mayastätten angeschaut haben, eine muss noch sein: Tikal, das zu den ältesten noch erhaltenen Ruinen gehört. Unser erstes Ziel ist also der Lago Petén Itza, wo wir uns eine ziemlich schicke Unterkunft bei einem Hotel in El Remate rauslassen. Den folgenden Tag nehmen wir uns Zeit uns ein wenig mit Guatemala vertraut zu machen und wie könnte das besser funktionieren, als über die hießige Küche und das lokale Bier – und was soll ich sagen, unser Fazit fällt sehr wohlwollend aus. Auch von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft können wir uns tagsdrauf überzeugen: Mein Dad und ich wollen mit dem Colectivo, einem Kleintransporter und öffentliches Verkehrsmittel in Guatemala nach Tikal fahren.[2] Allerdings ist es Sonntag, der Fahrplan damit ziemlich ausgedünnt und wir kommen erst einmal nur bis zum Parkeingang. Dort kaufen wir unser Ticket und müssten dann so ne halbe Stunde bis Stunde auf das nächste Fahrzeug warten wie man uns mitteilt. Nicht so schlimm denken wir, bleibt uns schon Zeit noch einen weiteren Kaffee zu trinken (für unsere Verhältnisse ist es noch sehr früh). Aber aus dem Kaffee wird nichts: fünf Minuten später hat der nette Colectivo-Fahrer nämlich eine Mitfahrgelegenheit mit der örtlichen Polizei für uns organisiert. Eine 20-minütige Fahrt, ein nettes Gespräch und ein obligatorisches gemeinsames Foto später, werden wir von Edgar und seinem Kollegen exklusiv vor den Toren der Ruinen abgesetzt.

Diese sind erneut ziemlich beeindruckend und liegen mitten in einem rießigen Dschungel. Wir verbringen mehrere Stunden mit der Besichtigung und sind erschöpft, als wir am frühen Nachmittag kapitulieren: alles anschauen ist nicht drin, aber auch so ist Tikal für mich das Highlight im Kapitel Mayaruinen. Blöderweise ist auch für den Rückweg weit und breit kein Colectivo in Sicht, aber wir sind ja nicht umsonst mehrere tausend Kilometer durch Kanada getrampt! Wir halten den Daumen raus und haben Glück: nur wenige Augenblicke später nimmt uns ein sehr nettes guatemaltekisches Paar mit zurück nach El Remate. Der Einstieg in unser viertes Reiseland ist wirklich vielversprechend.

Bevor wir Mitte Februar unseren nächsten Besuch aus Deutschland erwarten, wünscht sich mein Papa noch zum ersten Mal in seinem Leben den Pazifik zu sehen. Wir machen uns also auf das Land zu durchqueren, was im Fall von Guatemala erstmals kein mehrmonatiges Unterfangen mehr ist. Trotzdem nehmen wir uns etwas Zeit und machen noch zwei Zwischenstopps, bevor wir den Norden Guatemalas mit seinem feucht-schwülen Klima verlassen. Auf der Finca Izobel schlafen wir ein letztes Mal im Regenwald und mein Dad und Benny machen eine 18 km lange Dschungel- / Höhlenwanderung, Schwimmen, Canyoning und Klettern inklusive. Nichts für Zora also, sodass wir beide uns einen entspannten Tag auf der Finca machen – zumindest so lange entspannt, bis ich hunderte von Zecken auf dem Hund und an die zwanzig auf mir selbst entdecke! Der zweite Stopp ist dann schon eher was für meinen Geschmack: wir finden einen Platz bei heißen Quellen, was etwas ironisch ist da wir über 30° haben und mittlerweile ziemlich ins Schwitzen kommen. Aber wir übernachten direkt neben den Quellen und können so auch nachts noch reinhüpfen.

Über die Fahrt durch Guatemala Stadt will ich mich eigentlich nicht wirklich auslassen. Die Hauptstadt ist ein rießiges, überwiegend hässliches und chaotisches Moloch; Millionen Menschen verteilen sich über die hügeligen Betonlandschaften, die überwiegende Mehrzahl lebt in Bruchbuden an steilen Berghängen und Müllhalden, die jede Lehre von Statik verspotten. Zum Glück wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht, dass wir hier noch das ein oder andere Mal rumhängen werden und wähnen das Schlimmste überstanden, als wir am späten Nachmittag an der Pazifikküste ankommen. Vier Tage Entspannung, rießige Wellen, schwarzer Sandstrand, Angeln und erste wackelige Surfversuche erwarten uns in Sipacate, wo wir unser Lager beim kleinen Surfhostel von Greg aufschlagen.

Abends, wenn sich der Trubel etwas gelegt hat, sitzen wir oft mit Greg, seinen Kumpels und deren Kindern zusammen. Einer der Söhne, Jimmy, ist ganz vernarrt in unseren Hund und spielt unablässig mit Zora, solange er nicht mit Poolputzen oder Renovierungsarbeiten beschäftigt ist (wann, ob und wie oft er zur Schule geht, können wir nicht eindeutig verifizieren). So erfahren wir auch einige spannende Aspekte über das Leben in Guatemala und die Chapin[3]: Zum Beispiel stellt es kein Problem dar bereits mit 12 Jahren Motorrad zu fahren, solange die Eltern haften. Auch lernen wir das weitverbreitete Geschäftsmodell „Restaurant / Hotel mit Pool“ kennen, bei dem der ganztägige Zugang zum Pool eine gewisse Gebühr kostet, den 10-15 köpfigen Familien im Gegenzug aber den Aufbau einer Grillstelle, Tischnutzung und Partyfläche bietet (wir profitieren übrigens durch leckere Reste-Essensspenden von diesem Modell). Uns gefällt das lässige Leben am Pazifik, es sind kaum andere Reisende hier, die Stadt ist mit einer kurzen Tuktuk-Fahrt erreichbar und die Strandrestaurants bestehen zwar nur aus drei zusammengenagelten Brettern, dafür lassen sich nachmittags ganz wunderbar die Surferboys- und girls beobachten, die es, im Gegensatz zu uns, wirklich drauf haben. Als wir aufbrechen steht fest: wir kommen noch einmal zurück – auch weil Greg uns mit seiner viel gepriesenen Cordon Bleu Variante für sein neues Strandrestaurant lockt.

San Marcos la Laguna am Lago Atitlan ist ein besonders verrückter kleiner Ort! Hierher verschlägt es uns, nachdem wir unseren Freund Jo „kurz“ am Flughafen in Guatemala Stadt abgeholt haben (Höllenritt No. 2). Er wird die nächsten Wochen mit uns unterwegs sein – wie lange wissen wir alle noch nicht so genau. Aber zurück zum Lago Atitlan und San Marcos: Um zu dem von mehreren Vulkanen umgebenen See zu gelangen, müssen wir zunächst dieselbigen überwinden und anschließend ca. 15 km auf einer kleinen und außergewöhnlich steilen Straße bergab fahren. Es ist tatsächlich die steilste Straße die wir bislang gefahren sind (in unserem Leben, nicht auf der Reise) und während wir uns auf dem Weg runter ernsthafte Sorgen um unsere Bremsen machen, graut Benny und mir schon vor der Rückfahrt den Berg hoch. Aber zunächst einmal läuft alles glatt und wir erreichen einen wahren Traumcampingplatz mit Blick über den See und auf die Vulkane.

Warum San Marcos so verrückt ist? Anscheinend gibt es dort eine ganz besondere Lichtstimmung und Energien, was dazu führt, dass der Ort seit einigen Jahren zu einer Art Mekka für Hippies und Esoteriker*innen geworden ist. Das mit dem Licht können wir bestätigen, um besondere Energien zu spüren bin ich womöglich zu abgestumpft. In jedem Fall werden in San Marcos die unterschiedlichsten Kurse für jedwede Bedürfnisse angeboten: Es gibt Yoga- und Tantrakurse, Kurse zur Herstellung von Magic Mushrooms und Trommelzeremonien, Heilung durch Hexenkraft, Wahrsagen, Astrologie und dergleichen mehr. Aber es gibt auch geiles Brot und richtig echten Käse, Kochkurse, exzellenten Kaffee und jede Menge ausgezeichnete Restaurants, deshalb sind wir im Glück und es ist uns ziemlich egal, dass es hier von Touris nur so wimmelt.

Es sind außerdem die letzten Tage mit meinem Papa, der sich nach fünf Wochen unterwegs mit uns mal wieder nach einem normalen Bett und einer voll funktionsfähigen Dusche sehnt. Diese Tage wollen wir noch einmal so richtig genießen und lassen es krachen! Tagsüber erkunden wir mit den kleinen Wassertaxis die Dörfer rund um den See, trinken guatemaltekischen Kaffee, der uns aus den Latschen haut, gehen italienisch Essen und trinken richtig guten Wein; abends Grillen wir meistens auf einer der kleinen Terassen des Platzes und lassen uns von der Lichtstimmung der Sonnenuntergänge verzaubern (wie schon gesagt, an der Sache mit dem Licht ist was dran). Und als Highlight zum Abschluss unserer gemeinsamen Zeit gönnen wir uns einen guatemaltekischen Kochkurs, bei dem wir zwar nicht so wirklich unsere kulinarischen Fähigkeiten erweitern (obwohl das Essen ganz ausgezeichnet schmeckt), uns dafür aber umso mehr von der Qualität der Drinks überzeugen :-).

Nach fünf Tagen heißt es Abschied nehmen vom Lago Atitlan und wir freuen uns zwar sehr auf unser nächstes Ziel, haben aber umso mehr Bammel vor der Steigung. Im Bus sitzen vier Menschen (allesamt von der eher größeren Sorte), zweimal mehr Gepäck als üblich und natürlich der Hund. Unsere Sorge ist berechtigt: wir haben die Hälfte der Strecke geschafft, als es plötzlich einen Knall macht und wie blöd aus dem Motorraum qualmt. Obwohl es nur noch 1 km bis zum nächsten Ort wäre, halten wir sofort an. Um zu erkennen, dass es den Kühler erwischt hat reichen unsere Kenntnisse noch aus, darüber hinaus sind wir allerdings ratlos. Obwohl Sonntag ist haben wir Glück und erreichen den Mechaniker von Santa Clara la Laguna, der ohne viel Aufhebens seine Familienfeier unterbricht und uns zur Werkstatt abschleppt. Er ist zuversichtlich am nächsten Tag unseren Kühler reparieren zu können, also nehmen wir uns ein Hotel im Ort (für schlappe 4€ / Person). Wir beschließen dem Tag wenigstens noch etwas positives abzugewinnen indem wir nachmittags auf die Mayan Nose wandern, ein Berg, der einen fantastischen Blick auf den Lago Atitlan bietet und abends ein letztes Mal gemeinsam Essen gehen.

Die Nacht im fensterlosen Hotelzimmer ist eher durchwachsen, wirklich nervig wird´s aber am nächsten Morgen als wir nach vier Stunden Warterei erfahren, dass der Kühler nicht mehr zu reparieren ist. Das ist insofern ungeschickt, als dass mein Dad am nächsten Tag wegen seines Rückflugs in Guatemala Stadt sein muss. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns aufzuteilen: Benny, Jo und Zora bleiben in Santa Clara, mein Dad und ich schnappen uns den nächsten Chicken Bus und fahren in die Hauptstadt. Dort kommen wir abends nach einer ziemlich holperigen Fahrt in einem deutlich überladenen Bus an und übernachten im Hostel von Axel. Axel ist ein super netter Typ, der uns ein fantastisches Abendessen zaubert und den wir schon sehr bald wieder sehen werden. Nach einem Abschiedsbier auf der Dachterasse, ein bisschen Wehmut und einer kurzen Nacht, bringe ich meinen Papa am nächsten Morgen zum Flughafen – schön, dass Du uns solange begleitet hast!

Ich widerum stehe um sechs Uhr morgens etwas ratlos am Flughafen und überlege wohin. Die Kühlergeschichte scheint sich noch etwas in die Länge zu ziehen und ich verspüre wenig Lust, mich erneut vier Stunden in einen Bus zurück zu setzen! Ich entscheide mich dazu, Guatemala City eine Chance zu geben und noch eine Nacht zu bleiben. Es ist das erste Mal nach über 10 Monaten, dass ich einen ganzen Tag und Abend alleine verbringe – irgendwie auch mal wieder schön! Nachdem ich mir noch eine Mütze Schlaf geholt habe, mache ich einen Stadtbummel (die Innenstadt ist nicht ganz so hässlich, aber auch nichts was man gesehen haben muss) und verbringe den Abend mit Wein, Sandwich und sehr sehr dummen Serien auf der Dachterasse; fühlt sich fast wieder so an, wie damals auf dem Balkon meiner kleinen Butze in München :-)!

Währenddessen erleben die Jungs leider ein ziemliches Wechselbad der Gefühle: Da der Kühler nicht zu reparieren ist, entscheiden wir uns dazu einfach einen neuen zu kaufen – leichter gesagt als getan! In ganz Guatemala ist anscheinend kein passender Kühler zu finden. Auch meine Recherchen in der Hauptstadt bleiben ergebnislos und wir befürchten schon, einen Kühler aus Mexiko bestellen zu müssen. Aber siehe da, unser Mechaniker erweist sich als Glücksgriff und schafft es, den einzigen (!) Kühler im Land aufzutreiben! Der wird am nächsten Morgen geliefert, ist schnurstracks eingebaut und so schafft es der Kleine Onkel dann auch problemlos die restliche Hälfte des Berges hoch. Ich reise währenddessen erneut mit dem Chicken Bus und bin mal wieder erstaunt, wie viele Dinge und Menschen in und auf die alten, aber kunterbunt bemalten US-amerikanischen Schulbusse passen. Sie sind das Haupttransportmittel für Überlandfahrten, aber auch Paketlieferdienst, Zuckerwattebeförderer und der Ort schlechthin für den Austausch des neuesten Klatsch und Tratsch.

Treffpunkt ist Antigua, die wahrscheinlich schönste Stadt Zentralamerikas. Ich bin sofort begeistert, als ich am Vormittag ankomme und mir erst einmal einen guten Kaffee in einem der zahlreichen Innenhöfe gönne. Überhaupt, die Innenhöfe Antiguas haben eigentlich eine Bilderreise nur für sich verdient! Die Pflastersteinstraßen der kolonialen Altstadt werden wahlweise gesäumt von prächtigen Kirchen, pompösen Palästen und bunt angemalten kleinen Häusern. Biegt man um eine Ecke, findet sich zudem fast immer ein herrlicher Park mit Springbrunnen, schattenspendenden Bäumen und den obligatorischen Obst-, Eis- und Streetfoodständen. Anstatt eine der zahlreichen Aktivitäten zu unternehmen, die von Antigua aus angeboten werden (es ist zugleich auch einer der touristischen Hotspots Guatmalas und außerdem DIE Stadt, um einen Sprachkurs zu besuchen), lassen wir uns die nächsten Tage einfach treiben. Die Wiedersehensfreude ist groß und wir haben alle das Bedürfnis, ein bisschen zu relaxen und ohne großen Plan in den Tag hineinzuleben. So vergehen fünf weitere Tage bis wir ein nächstes Mal nach Guatemala Stadt aufbrechen.

Endlich ist es soweit und Nadia besucht uns. Wir kommen Mittags beim Hostel von Axel an, wo wir mit unserem Bus auf der Straße stehen können und sich Nadia und Jo jeweils ein Zimmer gebucht haben. Gemeinsam mit Axel holen wir Nadia mitten in der Nacht vom Flughafen ab und begießen das Wiedersehen mit einigen Kaltgetränken auf dem Bürgersteig vorm Hostel. Am nächsten Tag beginnen dann für uns rein geographisch die Déja Vus: wir fahren zurück an den Pazifik zu Greg und anschließend weiter nach Antigua.[4] Am Pazifik lassen wir Nadia erst einmal in Ruhe ankommen und genießen erneut die Urlaubsstimmung, die mit diesem Ort unweigerlich verbunden ist. In Antigua soll´s dann aber endlich zur Sache gehen und wir erleben dort tatsächlich eins unserer Top-Reisehighlights.

Und auch so geht es diesmal ziemlich rund in Antigua: kaum angekommen, findet auf unserem Campingplatz ein Junioren-Boxwettkampf statt – ein rießiges Event, das bis spät in die Nacht andauert und wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Zudem haben die Sonntagsprozessionen zur Fastenzeit begonnen, ein noch größeres Event, das wir staunend beobachten. Tausende Gläubige sind stundenlang auf den Pflastersteinstraßen unterwegs und tragen rießige Statuengebilde über kunstvoll gestaltete Blumenteppiche. Begleitet wird das Spektakel von mehreren Musikkapellen, fahrbaren Essensständen, Zuckerwatte- und Luftballonverkäufer*innen und jeder Menge schaulustiger Menschen. Auch Museumsbesuche, Kunsthandwerkmärkte und der Besuch der einen oder anderen Bar stehen diesmal auf dem Program. Jo kauft unterdessen zwei anderen Reisenden ihr Auto ab, das er im März in Mexiko abholen kann und schmiedet nun ebenfalls Pläne open end in Richtung Süden weiterzureisen.

Aber nun zu unserem nächsten Highlight: Man kann wohl kaum in Guatemala gewesen sein, ohne dass einem die Menschen von der Besteigung des Vulcano Acatenango vorschwärmen! Nachdem wir einige Bilder anschauen steht auch für uns fest, das müssen wir gesehen und gemacht haben. Da die Aktion zwei Tage in Anspruch nimmt, geben wir Zora in die Obhut einer Hundeschule – sie ist eindeutig noch zu klein für einen solchen Kraftakt. Um 10 Uhr morgens werden wir vom Touranbieter abgeholt und stellen erfreut fest, dass außer uns nur noch eine weitere Person in der Gruppe ist: Steven aus Costa Rica, mit dem wir uns auf Anhieb super verstehen. Der Kleintransporter bringt uns bis zum Einstieg auf 2400 Metern und dann geht die Plackerei los. Wir wandern durch Maisfelder, Dschungel und sich langsam ausdünnende Vegetation, mit 4 L Trinkwasser und Lunchpaketen ausgerüstet zum Base Camp, wo wir die Nacht verbringen werden. Und obwohl wir keine Zelte, Schlafsäcke oder Abendessen schleppen müssen, haben wir nur selten ein Auge für die Schöhnheit um uns herum. Der sandig-staubige Untergrund ist eine Herausforderung, die Höhe geht gewaltig auf die Lunge und das Tempo, das unser Guide vorlegt, lädt auch nicht gerade zu Naturbetrachtungen ein.

Wir sind echt platt, als wir fünf Stunden und 1200 Höhenmeter später im Camp ankommen. Aber was für eine Entschädigung erwartet uns: wir machen ein Feuer, da es auf dieser Höhe ziemlich schnell ziemlich bitterkalt wird und schauen uns den Sonnenuntergang mit Blick auf den aktiven Vulcano Fuego an. Der ist Luftlinie gerade mal 3 km von uns entfernt und der Anblick wirklich atemberaubend! Sobald es dunkel wird, kocht unser Guide Nudeln mit Tomatensoße und zaubert zum Nachtisch sogar noch ein Tetra Pak Wein und Marshmallows hervor – das hat der Gute tatsächlich alles zusäzlich getragen. So schön die Stimmung am Feuer ist, um 21 Uhr fallen wir alle wie tot ins Bett. Das macht auch Sinn, denn am nächsten Morgen werden wir um 4:30 Uhr geweckt und schleppen uns im Stockdunkeln und wie in Trance, die restlichen Meter hoch auf den Gipfel des Acatenango. War der Untergrund bisher eine Herausforderung, ist er die letzten 400 Höhenmeter eine Qual: auf dem sandigen Boden geht es buchstäblich zwei Schritte vor und einen zurück. Ich check im ersten Moment noch nicht einmal das ich oben bin, so sehr habe ich mich aufs reine Durchhalten fokussiert. Aber erneut, wie sehr hat es sich gelohnt! Als wir auf dem Gipfel stehen, geht gerade die Sonne über einem Wolkenmeer auf knapp 4000 Metern Höhe auf, um uns herum sehen wir die Gipfel zahlreicher Vulkane und können in der Ferne sogar den Lago Atitlan erahnen – es ist einfach unbeschreiblich schön.

Runter ist der sandige Grund dann eine wahre Freude: wir rennen, schlittern und surfen den Abhang hinunter, den ich kurz zuvor noch verflucht habe. Im Camp gibt es das bitternötige Frühstück, bevor wir uns an den weiteren Abstieg machen. Auch der ist nicht ganz unanstrengend, aber zumindest gelingt es uns diesmal, die Natur um uns herum etwas besser wahrzunehmen. Und während wir glücklich und erschöpft auf den Bus zurück warten, stoßen wir mit einem ziemlich überteuerten, aber dafür eiskalten Bier auf unsere „Vulkanbezwingung“ an. Der Rest des Tages ist schnell zusammengefasst: Zora abholen, Duschen, mehr Bier, Schlafen, Essen im Campingplatzrestaurant – zu mehr reicht es eindeutig nicht mehr.

Nadia will in die Karibik, also geht´s zurück in den Norden! Auf dem Weg stoppen wir erneut bei den heißen Quellen in Zacape, diesmal helfen sie enorm gegen unseren nicht unerheblichen Muskelkater. Wir finden einen sehr schönen Platz in einem kleinen Ort in der Nähe von Rio Dulce – nichts ahnend, dass dies für sehr lange Zeit unser neues Zuhause sein wird. Nadia und ich beschließen am nächsten Morgen nach Livingston an der Karibikküste zu fahren. Diese Kleinstadt hat eine ziemlich interessante Geschichte und ist tatsächlich nur per Boot erreichbar – wir freuen uns mega auf ein paar Tage Qualitytime zusammen. In Livingston lebt die größte Garifuna-Gemeinde Guatemalas, Nachkommen westafrikanischer Sklav*innen und indigener Kariben, die sich eigene kulturelle Traditionen, eine eigene Sprache, Musik und Küche bewahrt haben.

Allein schon die Bootsfahrt dorthin ist die Reise wert, auf dem Rio Dulce und über Seen geht es entlang Mangrovenwälder und Stelzenhäuser, vorbei an heißen Quellen und durch einen beeindruckenden Canyon – bis wir uns plötzlich in der Kaibik befinden. Es ist ein bisschen, als würden wir eine andere Welt betreten. Wir finden ein super schönes Hostel direkt am Wasser, chillen in Hängematten, trinken Margeritas und tauschen den kompletten Klatsch und Tratsch des vergangenen Jahres aus. Das einizige was nicht so ganz ins Bild passen will ist der Dauerregen, aber auch davon lassen wir uns nicht wirklich stören. Abends testen wir die wirklich ausgezeichnete Garifunaküche und finden uns später in einer Bar namens Chipi Chipi wieder. Hier gehen die Einheimischen feiern, auf dem Menü steht ausschließlich Bier und mehr als ein paar Stühle, Plastiktische und ein Loch, das als Klo dient ist es nicht – wir finden´s mega! Spät in der Nacht lassen wir uns davon überzeugen, mit in eine der drei örtlichen Stranddiskos zu gehen, schließlich ist Samstag und da wird gefeiert. Wir haben zugegebenermaßen ein wenig Rhythmusfindungs-Schwierigkeiten, aber egal, es wird eine lange Nacht…

Ursprünglich hatten wir mal überlegt, von Livingston aus noch weiter auf eine der zahlreichen Inseln in Belize zu fahren, aber das Wetter meint es nicht gut mit uns. Und so schön die Karibik trotz Regen ist, ohne Schwimmen, Schorcheln und am Strand rumhängen ist der Reiz dann auch irgendwie auf Dauer gemindert. Wir verbingen weitere 1 ½ Tage in Livingston, schauen uns alle Sehenswürdigkeiten der Kleinstadt an und machen das beste draus. Als wir dann endgültig kein trockenes Kleidungsstück mehr besitzen, ist es Zeit nach San Felipe zurückzufahren, wo Benny und Jo die Tage mit Angeln und Kokosnussöffnen verbracht haben. Dort beschließen Benny und Nadia spontan Tikal anzuschauen. Benny konnte beim ersten Mal wegen Zora nicht mitkommen und so setzen sie sich in einen Bus, der sie noch einmal tief in den Péten nach Flores bringt. Was ursprünglich als kleiner Ausflug mit einer Übernachtung geplant war, wird aufgrund diverser kleinerer und größerer Kommunikationsprobleme schließlich ein dreitägiger Trip. Aber die beiden haben wohl jede Menge Spaß und, ohne es zu wissen, auch eine sehr interessante Fürhung durch Tikal gebucht.

Währenddessen treffen die ersten Corona-News aus zentralamerikanischen Ländern ein… El Salvador hat seine Grenzen mehr oder weniger über Nacht geschlossen und es wird immer deutlicher, dass wir auch hier nicht vor den Auswirkungen des Virus verschont werden. Am Sonntag, den 15.03.2020 machen sich Nadia und Jo auf in Richtung Guatemala Stadt – Nadia hat am darauffolgenden Tag einen Flug nach Deutschland gebucht, Jo will sein Auto in Mexiko abholen. Wir haben eigentlich geplant in den kommenden ein bis zwei Tagen weiter nach Honduras zu fahren. Die Stimmung beim Abschied ist gedrückt. Wir hatten eine wundervolle Zeit zusammen, jetzt is die Sorge da, wie es wohl für uns alle weitergeht. Wird Nadia zurück nach Deutschland kommen? Kann Jo seine Pläne von einer Reise nach Südamerika umsetzen? Und wir, wann werden wir wieder unterwegs sein? Diese Frage ist auch heute, 2 ½ Monate später und während ich diese Zeilen schreibe, offen geblieben…

Die Bilder zum Kapitel gibt´s hier


[1] Von der Untersuchung sehen die Beamten glücklicherweise dann doch ab – vielleicht ist es sogar ihnen bei 40° ohne Schatten zu heiß.

[2] Die Alternative sind Busse speziell für Touris, die aber nicht nur erheblich teurer sondern irgendwie auch unspassig sind. Außerdem: wenn´s für die Locals passt, passt es auch für uns!

[3] Chapin ist die stolze Selbstbezeichnung der Menschen in Guatemala und im Alltag allgegenwärtig!

[4] Bei Greg machen wir einen kleinen Angel-/Bootausflug und Zora beweist erneut, dass Wasser nicht so wirklich ihr Element ist: Aus lauter Panik hüpft sie aus dem Boot und geht anschließend unter wie ein Stein – ohne auch nur die kleinste Schwimmbewegung zu machen!

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