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Kapitel 17: Honduras – die schöne Unbekannte

  • Beitrags-Kategorie:Reiseberichte
  • Lesedauer:20 min Lesezeit

09. November – 07. Dezember 2021

Honduras gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt, aber nicht nur deshalb war es für uns anfangs mehr ein notwendiger Zwischenstopp als tatsächliches Ziel. Wie so viele andere Reisende hatten wir es einfach nicht so wirklich auf dem Schirm – eine immense Fehleinschätzung, wie wir schnell feststellen. Honduras besticht mit einer sagenhaften und abwechslungsreichen Natur, unfassbar freundliche Menschen und eine Mikrobrauerei, die unseren Aufenthalt völlig ungeplant, aber umso willkommener um mehrere Wochen verlängert :)…

Besser spät als nie: Bienvenidos a Honduras

Ziemlich genau 18 Monate später als geplant, stehen wir endlich an der Grenze nach Honduras. Hätten die Grenzen in Zentralamerika 2020 nur ein paar Tage später geschlossen, wäre vermutlich Honduras und nicht Guatemala zu unserem unfreiwilligen Corona-Zuhause geworden. Umso mehr freuen wir uns jetzt darauf, nach der langen Zeit des Wartens ein neues Land bereisen und entdecken zu dürfen. Auf den letzten drei Kilometern zur Grenze muss Benny allerdings alle seine in einer deutschen Fahrschule eingetrichterten Instinkte ad acta legen: ein Unfall hat den Verkehr auf unserer Spur für mehrere Stunden lahm gelegt; allerdings nur für die großen LKW´s, die Autos fahren fröhlich auf der Gegenspur und weichen nur zur Seite aus, wenn ihnen jemand entgegenkommt. Wir haben die Wahl zwischen mehreren Stunden warten oder uns dem Fahrstil anzupassen. Ein paar Minuten später ist Benny zwar schweißgebadet, aber hey, wir sind an der Grenze und haben nur noch drei Stunden Bürokratie vor uns, bevor wir endlich honduranischen Boden betreten.

Die ersten beiden Nächte verbringen wir in einem Ökoreservat im Dschungel und bereits hier beschleicht uns das Gefühl, dass wir Honduras eventuell ein bisschen unterschätzt haben. Nach den trubeligen Tagen in San Felipe genießen wir die absolute Ruhe in der Natur, das Rauschen des Baches, die natürliche Dusche unter einem Wasserfall und den Ausblick auf das karibische Meer, nach einer Wanderung zum höchsten Punkt des Reservats. Das Tor zum Park wird abends um 17 Uhr geschlossen und danach haben wir das alles ganz für uns allein.

Der (fast) perfekte Strand

Nachdem wir das Meer von oben gesehen haben, wollen wir jetzt aber auch endlich mal wieder hin. Trotz schlechter Wettervorhersage (es ist Regenzeit an der Karibikküste) fahren wir weiter zu einer kleinen Garifunagemeinde in der Nähe von Tela. Die Straße dahin verspricht auf jeden Fall einen grandiosen Platz – je schlechter die Straße, desto schöner die Übernachtungsgelegenheit. Das haben wir mittlerweile so häufig festgestellt, dass es beinahe ein Grundsatz zu sein scheint. Auch diesmal enttäuscht uns unsere Binsenweisheit nicht. Als wir durch die letzten Matschlöcher, Pfützen und Sandgruben gefahren sind, liegt er vor uns: der (fast) perfekte Strand! Weißer Sand, hunderte von Kokospalmen und vor allem keine (touristische) Menschenseele. Die Hütten des kleinen Ortes „Barra Vieja“ liegen weit verstreut, es gibt weder Elektrizität noch Handyempfang und die, aus einfachen Brettern zusammengebauten und mit Palmenblättern bedeckten Palapas (Unterstände) am Strand, dienen nur am Wochenende als Restaurant für Kundschaft aus der Stadt. In einem dieser kleinen Restaurants wollen wir gerne übernachten, finden es unter der Woche aber verlassen vor. Kurzerhand frage ich einen vorbeischlendernden Kerl, ob die Familie heute noch kommt bzw. ob wir uns trotzdem einfach hier hinstellen können. Er meint, das würde theoretisch schon gehen, aber er lädt uns auch gerne auf sein Grundstück ein. Da sagen wir natürlich nicht nein und machen so Bekanntschaft mit Pesca und seinem Onkel, die ebenfalls ein kleines und sehr improvisiertes Restaurant am Strand führen. Und obwohl ich ein bisschen am kränkeln bin, ist es einfach nur zu schön um wahr zu sein – unsere einzige Sorge ist es einen Stellplatz zu finden, wo uns keine Kokosnuss auf den Kopf fällt. Den Rest des Tages verbringen wir damit den Strand zu genießen, Schwimmen zu gehen, eiskaltes Bier zu trinken, einen sehr kitschigen Sonnenuntergang zu bewundern und abends die wirklich besten Camarones unseres Lebens zu essen.

Am nächsten Morgen werden wir vom prognostizierten Regen geweckt und es tropft mal wieder in unser Dachzelt. Aber wir werden besser und sind beständig dabei das Zelt zu optimieren. Dazu brauchen wir nach aktuellem Stand mehrere Stöcke und ca. 8 Expander, aber damit ist das Außenzelt soweit abgespannt, dass es nur noch partiell rein regnet und wir mit Handtüchern gegenarbeiten können. Da es mir leider nicht wirklich besser geht, gehen wir den Tag ruhig an und treffen bei einem kleinen Strandspaziergang auch die Familie vom Restaurant, wo wir ursprünglich hinwollten (der Strandabschnitt ist sogar noch ein bisschen schöner, weil sie regelmäßig den angeschwemmten Müll beseitigen). Prompt lädt uns die wirklich sehr nette Familie dazu ein, bei Ihnen umsonst zu übernachten. Da wir aber gerade so viel Arbeit in den Aufbau unseres Zeltes gesteckt haben, verschieben wir das auf den nächsten Tag und hängen heute noch einmal bei Pesca ab. Abends setzen Benny und er sich noch bei einem Feuer am Strand zusammen und haben eine gechillte Zeit. Umso betrüblicher ist die Ansage vom Onkel am nächsten Morgen, wir würden ihnen noch einen Haufen Geld fürs Camping schulden. Wir kommen uns etwas verarscht vor, schließlich wurden wir von Pesca eingeladen und zudem haben wir einige Lempiras in Camarones und Bier investiert, die waren nämlich nicht nur sau lecker, sondern auch ziemlich teuer.[1] Da wir keinen Stress wollen, einigen wir uns schließlich auf die Hälfte des verlangten Übernachtungspreises, teilen unsere Enttäuschung aber deutlich mit. Auch die Familie und ein paar weitere Leute im Dorf bekommen mit, dass wir ziemlich verärgert sind und siehe da: abends kommen zwei Jungs, die selbst Rucksackreisende sind und scheinbar sowas wie die Tourismusverantwortlichen in Barra Vieja, mit einem sehr zerknirschten Pesca zu uns. Er und unsere neuen besten Freunde (die beiden sind wirklich cool) entschuldigen sich mehrfach bei uns, Pesca hat uns einen traditionell zubereiteten Fisch mitgebracht und meint, sein Onkel habe darauf bestanden von uns Geld fürs Campen zu verlangen. Egal, wir sind wirklich glücklich, dass uns unsere Menschenkenntnis nicht im Stich gelassen hat und wir uns an diesen wunderschönen Ort jetzt wieder mit einem guten Gefühl zurückerinnern werden. No bad feelings!

Was uns am nächsten Morgen allerdings endgültig verlässt, ist das gute Wetter. Es regnet in Strömen und für heute ist auch kein Ende in Sicht – alles ist nass und sandig: wir, das Auto, das Zelt, der Hund… gegen Mittag reicht es uns dann und wir beschließen aufzubrechen und das war vermutlich nicht die dümmste Idee. Die Pfützen sind nicht gerade kleiner, die Matschlöcher nicht weniger matschig geworden. Wir kommen gerade so raus, aber Ruby schluckt ganz schön viel Sand und Wasser. Kaum sind wir wieder auf geteerter Straße fängt sie auch schon an zu protestieren, plötzlich will sie nicht mehr fahren und nimmt kaum mehr Gas an. Ruckelnd und holpernd schaffen wir es bis zur nächsten Tankstelle, wo es nach einem kurzen Stopp plötzlich wieder besser funktioniert mit dem Fahren. Vielleicht ist nur irgendwas nass geworden? Da Sonntag ist und selbst in Zentralamerika an diesem einen Tag in der Woche keine Werkstätten offen sind, beschließen wir einfach mal weiterzufahren. Bis zu unserem nächsten Ziel sind es nur 150 km, könnte also funktionieren 😉

Rafting und Camping am Rio Cangrejal

Die Fahrt in Richtung El Ceiba, einer Hafenstadt ebenfalls an der Karibikküste, wird aber nicht nur wegen Ruby zu einem Abenteuer. Während wir unterwegs sind, regnet es teilweise so stark, dass man absolut nichts mehr sieht und wir ranfahren müssen. Unser eigentliches Ziel ist nicht die leicht zwielichtige Hafenstadt, sondern liegt etwas landeinwärts am Rio Cangrejal. Das soll angeblich der beste Rafting- und Wildwasserfluss in Zentralamerika sein und da wir seit einem Raftingtrip vor einigen Jahren in Bosnien- und Herzegowina ziemlich angefixt sind, wollen wir uns das nicht entgehen lassen. Mit Biegen und Brechen prügeln wir unser Auto die Schotterpiste durch den Dschungel hoch bis zur Jungle River Lodge. Dort nehmen wir uns für zwei Nächte ein Zimmer, was eigentlich nicht so ganz in unser Reisebudget passt, aber wir brauchen dringend mal wieder ein trockenes Bett und trockene Klamotten (das wird übrigens erst was, als wir resignieren und einfach alles in den Trockner schmeißen; die Luftfeuchtigkeit im Dschungel lässt grüßen). Die fantastische Lage der Lodge lässt uns den Preis schnell vergessen, auf einen Felsen direkt über den Fluss gebaut überblickt man den Rio Cangrejal, schläft zum Wasserrauschen ein und kann außerdem in den natürlichen Pools bei einem kühlen Bierchen den Sonnenuntergang beobachten – Reiseherz, was willst du mehr!

Laut unserem Reiseführer ist die Jungle River Lodge ein hervorragender Ort um andere Reisende zu treffen und Party zu machen, davon merken wir allerdings wenig. In den ersten Tagen wird kein Essen angeboten, es sind kaum andere Menschen da und generell herrscht irgendwie ein bisschen Geisterstimmung. Wir kommen mit dem einzigen Angestellten ins Gespräch, der dort mit seinem Sohn lebt: die Situation ist seit Corona wirklich schwierig und es gibt kaum noch Tourismus im Land. Hatte Honduras davor schon nicht das beste Image, so scheint es jetzt umso mehr unter der aktuellen Situation zu leiden. Uns kommt das in diesem Moment insofern zugute, als dass wir die Küche mitbenutzen dürfen und nicht auch noch zusätzlich für Essen zahlen müssen.

Am nächsten Tag geht es raften und was soll ich sagen, die generell eher laxen Sicherheitsvorstellung kommen uns ziemlich entgegen! Wir beginnen den Trip mit einer Runde schwimmen durch den reißenden Fluss, dann folgt eine kurze Einführung wie wir uns gegenseitig wieder ins Boot ziehen, falls jemand rausfällt und schon geht es los, die Stromschnellen und Wasserfälle der Kategorie IV runter. Zwischendurch lassen wir uns einige Passagen treiben, hüpfen von 7 Meter hohen Felsen runter und haben den Spaß unseres Lebens. Da wir von Anfang an klitschnass sind, kann uns diesmal auch der Dauerregen nichts anhaben. Der führt anschließend aber dazu, dass wir beschließen noch ein bisschen länger zu bleiben. Wir dürfen auf der gigantischen Terrasse mitten im Restaurant unser kleines Trekkingzelt aufschlagen, sodass wir ein Dach über dem Kopf haben und nicht schon wieder alles nass wird. Zudem kommen am Nachmittag nicht nur Miranda, die gute Seele des Hauses, sondern auch noch ein paar andere Backpacker an. Dadurch wird die Stimmung eindeutig lebendiger, die Küche wesentlich weniger, sagen wir mal „chaotisch“ und wir genießen drei weitere Tage mit kleineren Ausflügen, Lernen, Schreiben und natürlich Chillen in den Pools über dem Rio Cangrejal.

Der Lago Yojoa – Honduras größter See

Nach fünf wundervollen Nächten wird es dann aber mal wieder Zeit für einen Perspektivwechsel und wir machen uns auf den langen Weg zum Lago Yojoa, dem größten natürlichen Binnengewässer in Honduras, berühmt für seine exzellenten Möglichkeiten zur Vogelbeobachtung. Bevor wir dort ankommen machen wir noch einen Zwischenstopp in Pulhapanzak, das sich mit einem 43 Meter hohen Wasserfall rühmt. Der ist tatsächlich ganz nett, haut uns jetzt aber auch nicht komplett vom Hocker (bei Wasserfällen haben wir irgendwie immer Kanada und die Rocky Mountains im Hinterkopf). Trotzdem ist es ein lohnender Zwischenstopp, vor allem da wir in der Parkanlage des Wasserfalls übernachten dürfen und die Leute dort mal wieder ausgesprochen nett sind und uns bestens versorgen. Auch unserem Auto tut die Verschnaufpause gut, Gas will Ruby nämlich immer noch nicht so richtig annehmen und die extrem steilen und holprigen Bergstraßen bringen sie beinahe ans Limit.

Am nächsten Tag ist Samstag und der Morgen begrüßt uns mit Partymucke und Wochenendgästen – nichts für uns, also brechen wir auf zur D&D Brewery am Lago Yojoa. Dieses kleine Juwel ist eine Mikrobrauerei, es gibt die Möglichkeit Kajak zu fahren und der Ort ist umgeben von Dschungel mit mehreren Wanderwegen – klar, dass wir da nicht drum rumkommen. Unser Plan sieht vor hier zwei bis drei Nächte zu bleiben und uns dann langsam auf den Weg nach Nicaragua zu machen (wie schon gesagt, Honduras war anfangs mehr ein Durchreiseland für uns). Von Bobby, dem Besitzer erfahren wir am nächsten Morgen, dass in einer Woche Präsidentschaftswahlen in Honduras stattfinden. Das ist insofern ein Ding, als dass bei den letzten Wahlen 2017 im Nachhinein extreme Proteste stattfanden, sogar einige Menschen ihr Leben lassen mussten und das Land in einen zweiwöchigen Lockdown geschickt wurde. Der Hintergrund hinter dieser Geschichte ist ziemlich kurios: nach den Wahlen sah es lange Zeit so aus, als habe die Partei der Herausforderin gewonnen. Dann gab´s plötzlich nen Stromausfall und als alles wieder hochgefahren war, führte plötzlich der Kandidat der regierenden Partei. Durchaus verständlich, dass das einige Menschen seltsam fanden und anfingen zu protestieren… Wie auch immer, Bobby rät uns dringend entweder bis nächsten Sonntag raus aus Honduras zu sein oder uns einen sicheren Ort zu suchen und die Entwicklungen nach der Wahl ein paar Tage abzuwarten. Dass die Stimmung im Land seit Tagen ziemlich angespannt ist, haben wir übrigens überhaupt nicht mitbekommen. Zum einen liegt das sicherlich daran, dass wir jede größere Stadt weitläufig umfahren, zum anderen leben wir aber natürlich schon auch in unserer kleinen Touri-Blase.

Zusammengefasst haben wir drei Optionen:

  1. wir fahren weiter nach Nicaragua; was aber knapp wird da wir für die Einreise 7 Tage vorher ein Formular ausfüllen und elektronisch übermitteln sowie einen PCR-Test machen müssen.
  2. wir schmeißen unsere Route über den Haufen und gehen nach El Salvador; das wäre ein Umweg und außerdem hieße das zwei Grenzübertritte mehr, samt Formularen und dem ganzen Hickhack.
  3. wir suchen uns ein lauschiges Plätzchen in Honduras (zum Beispiel eine Mikrobrauerei) und bleiben dort die nächsten zwei Wochen. Nur: zwei Wochen wollen wir auf keinen Fall nur rumsitzen an einem Ort, wir müssten also schon irgendwas zu tun finden.

Die Entscheidung fällt uns sehr schwer (sind eh nicht so die großen Entscheider), alle Optionen haben Vor- und Nachteile. Was also tun, wenn man sich nicht entscheiden kann? Richtig: erstmal das Angebot vor Ort genießen. Wir gehen endlich mal wieder Kajak fahren, entdecken ein kleines Café mit sehr sehr leckerem Kuchen und Kaffee aus der Umgebung, machen eine Tour durch den Dschungel und zu einer Kaffeeplantage und lassen uns das hauseigene Craftbeer schmecken. Das beeinflusst vermutlich schlussendlich auch nicht unmaßgeblich unsere Entscheidung: wir bleiben bei der D&D Brewery und damit uns nicht langweilig, aber auch um unser Reisebudget nicht völlig zu sprengen, werden wir im Gegenzug zu Kost und Logis ein wenig Volunteerarbeit machen. Es läuft mal wieder…

Volunteering bei der D&D Microbrewery

Ok, der Plan sieht vor, dass Benny dem Koch von D&D ein paar deutsche Gerichte näher bringt, ich Teile der Webseite ins Deutsche übersetze und wir beide ab Montag nach den Wahlen bei Bedarf auf der Baustelle arbeiten. Topmotiviert sind wir am nächsten Morgen zur Stelle, ich checke die Webseite und Benny überlegt sich als gelernter Koch Rezepte, die mit den hauseigenen Biersorten harmonieren. Als irgendwann im Laufe des Vormittags Bobby auftaucht, meint er wir sollen erstmal langsam machen und einfach die Zeit und Umgebung genießen. Wirklich los geht’s erst ab nächsten Montag. Jeder halbwegs vernünftige Mensch würde sich das vermutlich nicht zweimal sagen lassen, uns fällt es allerdings echt schwer einfach nur so rumzuhängen. Schließlich essen wir mittlerweile zweimal täglich das wirklich sehr leckere Essen und zahlen nichts für unseren Stellplatz auf der gigantisch großen Wiese, die vor allem Zoras Hundeherz höherschlagen lässt. Zum Glück ist eine Reise ja aber auch immer gut für die persönliche innere Weiterentwicklung und spätestens die langen Abende am Lagerfeuer und die vielen Begegnungen mit anderen Gästen, lehren uns schlussendlich das entspannte Nichtstun ;). Die gute Stimmung wird lediglich von kleineren Vorfällen rund um die Wahlen gelegentlich getrübt: zwei Leute aus England kommen beispielsweise völlig fertig bei D&D an, da sie nur einen Aufenthalt für drei Tage in Honduras erhalten haben. Der Grenzer meinte zu ihnen, dass sie noch vor den Wahlen das Land wieder verlassen müssten. Auch die Hamsterkäufe von denen die Medien immer häufiger berichten, stimmen uns und die Crew von D&D etwas nachdenklich.

Die Einladung von Bobby zu unserem ersten Thanksgiving Dinner kommt da genau richtig. 8 Monate waren wir in Kanada und den USA unterwegs, haben in beiden Ländern Thanksgiving aber knapp verpasst. Für Bobby, der ursprünglich aus den Staaten kommt, ist Thanksgiving der wichtigste aller Feiertage im Jahr, dementsprechend lässt er auffahren. Wir fühlen uns sehr geehrt, dass wir gemeinsam mit seinen Freundinnen und Freunden aus zahlreichen Teilen Honduras essen, trinken und unser erstes Thanksgiving feiern dürfen. Es ist ein buntgemischter Haufen aus Hondureños und Amis, sodass wir viele unfassbar witzige Anekdoten hören, spannende Einblicke in die Politik und das Leben hier bekommen und einige neue Freundschaften schließen. Zwei Abende lang geht das so und wir sind sehr froh, dass wir uns entschieden haben zu bleiben.

Und dann ist er da, der Wahltag! Bis auf ein allgemeines Alkoholverkaufsverbot ist in der kleinen Stadt am Lago Yojoa erstaunlich wenig davon zu spüren. Abends versammeln sich die restlichen Gäste, das Personal und Bobby vor dem Beamer, um die Auszählung der Stimmen anzuschauen. Die ersten Hochrechnungen sollen um 20 Uhr bekannt gegeben werden, als um 20:30 Uhr immer noch nichts passiert ist, werden wir also langsam nervös. Kein Grund zur Sorge, wird uns erklärt, wann wäre hier jemals etwas pünktlich passiert… achso, stimmt ja! Noch ein bisschen später ist es dann soweit: die Gegenkandidatin Xiomara, die hier ausnahmslos von allen favorisiert ist, führt de facto uneinholbar vor dem Kandidaten der konservativen Partei, die seit 12 Jahren an der Macht war (dafür wurde übrigens kurzfristig die Verfassung geändert). Wir sind begeistert und denken jetzt geht die Party los. Unsere überschwängliche Stimmung wird allerdings von niemanden geteilt. Zu frisch ist die Erinnerung an die Ereignisse nach der letzten Wahl und zu groß die Sorge, dass sich das Ergebnis plötzlich doch noch „ändert“.

Am nächsten Morgen führt Xiomara nach wie vor und für uns beginnt die Arbeit. Die D&D Brewery hat diese Woche geschlossen, da nach der Wahl eh kaum Gäste zu erwarten sind. Benny arbeitet die kommende Woche fast 9 Stunden täglich auf der Baustelle und hilft bei der Renovierung der Zimmer. Nachdem ich drei Tage lang Textbausteine und E-Mailvorlagen ins Deutsche übersetzt habe, gehöre auch ich für weitere zwei Tage dem „Team Streichen“ an. Jetzt hält sich unser schlechtes Gewissen wegen der vielen Chillerei und dem ganzen Essen dann auch wieder in Grenzen. Da sonst keine Gäste mehr da sind und wir viel Zeit bei der gemeinsamen Arbeit verbringen, kommen wir mit den Angestellten von Bobby ins Gespräch. Er stellt aus Prinzip nur Locals ein, bezahlt einen verhältnismäßig richtig guten Lohn und unterstützt die Jungs und Mädels außerdem dabei, höhere Schul- bzw. Collegeabschlüsse zu erhalten. Klar sind die Cabins, Zimmer und das Essen im Gegenzug dafür ein bisschen teurer, für dieses coole Engagement lohnt sich unserer Meinung nach aber auch jeder Cent mehr (mal abgesehen davon, dass einfach alles liebevoll eingerichtet und top gepflegt ist).

Die wichtigsten Neuigkeiten sind allerdings, dass es ruhig bleibt im Land! Und als Xiomara am Mittwoch nach der Wahl sogar von ihrem Konkurrenten zum Sieg beglückwünscht wird, steht fest: dieses Mal ist es gut gegangen. Die Menschen freuen sich, wir freuen uns für die Menschen und der Weiterreise nach Nicaragua steht nach unserer Woche Volunteering nichts mehr im Weg. Ein Tag Pause gönnen wir uns noch nach der Arbeitswoche, um unser ganzes Zeug wieder zusammenzupacken, noch einmal richtig lecker Pizza zu essen und Bier zu trinken und dann heißt es Abschied nehmen. Und wisst ihr noch, wie ich am Ende des letzten Kapitels angemerkt habe, dass wir ein wenig Bammel vor Honduras haben, da wir hier niemanden kennen und alles neu ist?! Manchmal muss man einfach machen, sonst kann man ja auch niemanden kennenlernen.

Die Jagd nach dem PCR-Test

Nachdem wir die Einreisepapiere für Nicaragua Mitte letzter Woche ausgefüllt und abgeschickt haben, bleiben uns noch ein paar Tage bevor wir über die Grenze können (wie bereits gesagt, sind sieben Tage Vorlaufzeit nötig). Wir fahren zu einem Platz in den Bergen, über den andere Reisende meinen, er habe sie an Kanada erinnert. Das lockt uns sehr und wir freuen uns auf ein paar ruhige Tage in der Natur. Als wir Sonntagnachmittag ankommen, kann von Ruhe allerdings kaum die Rede sein: bei jedem der kleinen Grillpavillons, die über das riesige Gelände verteilt sind, steigt eine eigene kleine Party – samt Mucke, Piñatas etc. Trotzdem ist die Stimmung irgendwie witzig und als 17:30 Uhr die Sonne untergeht haben wir den Park plötzlich ganz für uns allein (wenn man von den frei rumlaufenden Pferden und Eseln absieht). Wir genießen die Kühle und Ruhe, das regenfreie Wetter, machen Feuer und Wandern durch den Park und sind etwas traurig, als wir nach zwei Nächten wieder weitermüssen. Wir würden es zwar nicht direkt mit Kanada vergleichen, verstehen aber die Assoziationen die der Platz weckt.

Für den Grenzübertritt nach Nicaragua fehlt uns schließlich nur noch ein negativer PCR-Test. Nicaragua ist momentan das einzige Land in Zentralamerika, dass einen solchen Test verlangt – egal, ob man geimpft ist oder nicht. In unserer unverzichtbaren ReiseApp IOverlander haben wir von einem Labor in Choluteca gelesen, dass den Test für 50 US-Dollar pro Person durchführt, was zwar immer noch sau teuer, aber trotzdem nur halb so viel wie in den meisten anderen Laboren in Honduras ist. Also auf nach Choluteca, wo wir einen ganz besonderen Übernachtungsplatz bei der örtlichen Feuerwehr finden. Das ist definitiv mal was anderes! Die Stadt selbst ist kaum eine Erwähnung wert, aber das Labor arbeitet super schnell und nach 45 Minuten haben wir die Ergebnisse in der Hand. Eine etwas unruhige Nacht später (um vier Uhr geht der Feueralarm los) brechen wir auf zum nächsten Grenzübertritt. Es ist nach den Erfahrungswerten anderer Overlander, der langwierigste, komplizierteste und stressigste Grenzübergang in Zentralamerika. Dass wir noch immer keine Bestätigung von unseren Einreiseunterlagen haben, stimmt uns nicht gerade zuversichtlicher, was den Tag angeht. Andererseits: wenn uns Nicaragua nicht rein lässt, bleiben wir halt in Honduras. Das ist schließlich definitiv mehr, als nur ein Durchreiseland!

Mehr Bilder von der schönen Unbekannten findet ihr hier


[1] Das mag manchen komisch vorkommen, in Zentralamerika ist aber durchaus üblich umsonst bei Restaurants zu stehen, wenn man im Gegenzug dazu isst und trinkt. Grundsätzlich haben wir aber natürlich auch nichts dagegen ein paar Euros für ne Nacht liegenzulassen – kommt halt auf die Kommunikation davor an!

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