Kapitel 9: Welcome to the Lower 48

Kapitel 9: Welcome to the Lower 48

02. Oktober – 22. Oktober 2019; USA: Washington, Oregon & Kalifornien

Mit Klischees und Stereotypen ist das ja so ne Sache: Eigentlich ist klar, dass sie doof sind und trotzdem hat man halt doch Bilder und Vorstellungen im Kopf, die einen unbewusst oder bewusst beeinflussen. Mir ging es so mit den USA! Obwohl ich schon wahnsinnig viel über die gigantischen Nationalparks, coolen Städte und liberalen Menschen gehört und gelesen habe, standen die Vereinigten Staaten nicht unbedingt sehr weit oben auf meiner „muss-ich-unbedingt-mal-in-meinem-Leben-gesehen-haben“ Liste. War halt ein Land durch das wir durchfahren müssen, wenn wir von Kanada nach Zentralamerika wollen. Naja, das unbestritten Beste am Reisen ist, dass man seine Vorstellungen gegen Erfahrungen und Stereotypen gegen die Realität tauscht! Welcome to the Lower 48…[1]

Nach einem erneut sehr unkomplizierten und zügigen Grenzübergang (hier fängts schon an) finden wir uns auf einem zehnspurigen Highway wieder, im Radio läuft „Born to be wild“ von Steppenwolf und wir fahren grinsend und aus vollem Halse mitgrölend Richtung Seattle. Es gibt zahlreiche Gründe, dieser regnerischen Stadt am Meer einen Besuch abzustatten (Kaffee, Grunge, die Food-Szene, Football, Architektur und Kunst, Fähren – um nur ein paar Dinge zu nennen). Wir fahren zunächst einmal hauptsächlich aus dem Grund hin, da es dort eine Werkstatt gibt, die sich auf importiere Autos spezialisiert hat. Da ich keine Lust hab, schon wieder über das wieso, weshalb und warum zu schreiben nur so viel: wir müssen unser Lenkgestänge austauschen lassen, was sau teuer, aber leider unvermeidlich ist. Viel lieber berichte ich also über die fantastische Zeit, die wir in Seattle verbringen, was unmittelbar mit unserem Werkstattbesuch zusammenhängt.

Nach insgesamt vier Tagen mit Football („go Seahawks“), unfassbar leckerem Essen, dem wohl schönsten Markt unserer bisherigen Reise, dem „Pike Place Market“ und der Gewissheit neue Freunde gewonnen zu haben, wollen wir aber endlich an die Küste Oregons, von der wir in den letzten Tagen so viel gehört haben. Also machen wir uns auf Richtung Süden, streifen den Olympia Nationalpark, der für seinen Regenwald berühmt ist und erreichen nach zwei weiteren regnerischen und nebligen Tagen endlich wieder das offene Meer, Sanddünen soweit das Auge reicht und den Oregon Coast Highway. Dort landen wir im kleinen Ort Cape Kiwanda, wo wir es uns für zwei Tage gemütlich machen. Wir schauen den Surfern zu, die sich wagemutig in die doch ziemlich kalten Wellen des Pazifiks stürzen, machen Lagerfeuer am Strand, verbringen unsere Zeit an einem Fischer-Hotspot und sind beeindruckt, von den unmengen an Lachs, die die Angler aus der Lagune ziehen. Und während wir unseren ersten richtigen Katertag im Bus verbringen, kontaktieren wir Colin aus Portland, den wir Im Juli in Kanada kennengelernt haben. Wie sich herausstellt, hat er es damals mit seiner Einladung ihn zu besuchen sehr ernst gemeint und wir machen uns tagsdrauf auf in die „Stadt der Brücken“.

Portland wird für uns zu einem Wellness-Kurzurlaub! Colin und sein Hund Sawyer wohnen in einer kleinen Oase mitten in der Stadt – ein moderner, aber sehr stilvoller Häuserkomplex mit großzügigen Beeten und Rasenflächen, der komplett autark und mit Solar funktioniert. Von unserem Angebot, im Bus auf dem Parkplatz zu pennen will Colin nichts wissen und quartiert uns in sein Gästezimmer mit eigenem (!) Bad ein. Was für ein Luxus, nach fünf Monaten mal wieder in einem Bett zu schlafen und sich in die Badewanne zu legen :-). Auch kulinarisch lässt unsere Zeit in Portland keine Wünsche offen: wir werden von Colins Familie zur wahrscheinlich leckersten (und teuersten) Pizza außerhalb Italiens eingeladen, besuchen den Saturdays Farmers Market, bedanken uns mit einem Pilzrisotto deluxe für die Gastfreundschaft und haben enorme Entscheidungsfindungsschwierigkeiten, bei welchem der tausenden Foodtrucks wir unser Geld liegen lassen sollen (entscheiden uns letztendlich für libanesisch, weil lange nicht mehr gehabt). Ansonsten ist vielleicht noch erwähnenswert, dass ich mein Herz ein wenig an „Powell´s City of Books“ verloren habe, ein Buchladen, der einen kompletten Block einnimmt und, vermutlich zu recht, für sich beansprucht der größte der Welt zu sein. Um einen angemessenen Gegenpool zu so viel Intellektualität bei Powell´s zu gewährleisten, schauen wir uns am letzten Abend aber auch noch ein NBA-Basketballspiel der „Portland Trail Blazers“ live in der Moda-Arena an.[1] Nach drei fantastischen Tagen bei Colin und in einer weiteren wirklich sehr coolen Stadt, nehmen wir schweren Herzens Abschied und werden vor allem Sawyer vermissen, der sich jede Nacht zu uns ins Bett geschlichen und sich zwischen uns ziemlich breit gemacht hat :-).

Wir fahren erneut zum Oregon Coast Highway und genießen die atemberaubenden Ausblicke, die der Highway 101 zu bieten hat. Unsere erste Nacht zurück im Bus schlafen wir an einem Aussichtspunkt und beobachten unzählige Wale, die sich vor den Klippen tummeln. Und auch wenn wir unsere Familien und Freunde manchmal schrecklich vermissen, sind wir uns einig: das sind genau die Momente, weswegen wir unterwegs sind! Am nächsten Morgen werden wir allerdings von einem Ranger freundlich darauf hingewiesen, dass sich dieser Aussichtspunkt auf „State Park“-Gelände befindet und wir dort nicht stehen dürfen. Und so schön die Oregon Coast auch ist, leider ist es wirklich schwer freie oder zumindest günstige Stellplätze zu finden! Auch der nächste Campingplatz im beeindruckenden Dunes Nationalpark ist zu teuer, um länger als eine Nacht zu bleiben, sodass wir schließlichan in einer kleinen Stadt Namens Port Orford landen. Dort verbringen wir drei regnerische und stürmische Nächte, die wir uns aber mit nasskalten Strandspaziergängen, heißer „Clam Chowder“ und gemütlichen Nachmittagen im Bus vertreiben.

Naja, und dann sind wir plötzlich in Kalifornien. Es ist ziemlich krass: wir sind soweit gekommen, haben soviel gesehen und trotzdem scheint die Liste unserer Wunschziele eher länger als kürzer zu werden… Reisen beinhaltet tatsächlich einen nicht unerheblichen Suchtfaktor! Und obwohl es im Norden von Kalifornien nach wie vor kalt und regnerisch ist, finden wir wieder Plätze direkt am Meer und können Feuer am Strand machen – California Dreaming Baby! Aber dieses Wetter passt irgendwie auch viel besser zum Redwood National Park, den wir uns als nächstes anschauen. Wir fahren die „Avenue of the Giants“ entlang, die ihrem Namen alle Ehre macht und spazieren zwischen diesen unfassbar majestätischen Bäumen, die zu den höchsten und ältesten der Welt gehören. Und während wir noch darüber nachdenken, dass einige dieser Giganten schon standen, lange bevor irgendwelche profitgierigen Menschen angefangen haben in Amerika (Regen-) Wälder abzuholzen, wird es langsam wärmer… Wir fahren auf dem überaus kurvigen Highway No. 1 weiter Richtung Süden und so langsam kommt Road Trip-Feeling auf. Als uns unser Weg durch die wahrscheinlich berühmteste Weinregion der USA, das Napa Valley führt (das ich natürlich unbedingt sehen musste), ist es auf einen Schlag heiß: unser Thermometer zeigt 28° C und wir sind etwas überfordert. Wo waren nochmal die T-shirts und kurzen Hosen ;-)? Leider entpuppt sich das Napa Valley als ziemlich schicke Angelegenheit, sodass Wein kaufen oder dort übernachten unser Reisebudget etwas überfordert hätte. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn nach weiteren zwei Stunden Fahrt werden wir mit einem ultimativen Anblick entschädigt: der Golden Gate Bridge bei Sonnenuntergang!

San Francicso, Geburtstadt der Hippiebewegung, berühmt für oben genannte Brücke und berüchtigt für Alcatraz. Tourismusmagneten wie die Fishermans Warf, die Seelöwen am Pier 39 und die weltberühmten Cable Cars buhlen um Aufmerksamkeit. Eine super entspannte und diverse Metropole, die uns augenblicklich in ihren Bann zieht. Nachts schlafen wir auf einem Parkplatz vor einem Fitnessstudio, aber sobald die Sonne rauskommt fahren wir zum Stadtstrand „Crissy Field“, wo wir einen fantastischen Blick auf die Wahrzeichen der Stadt, Delfine, Seelöwen und Pelikane sowie die einheimischen Kite Surfer, Sonnenanbeter und Yoga-Gurus haben. Aber das allerbeste ist: zum ersten Mal seitdem wir unterwegs sind, können wir ausgiebig schwimmen, am Strand faulenzen und endlich den Sommer genießen :-). Wie gut, dass wir hier durchfahren „müssen“…

Die Bilder zu dieser fantastischen Zeit findet ihr hier…


[1] Als die „Lower 48“ werden die Bundesstaaten der USA bezeichnet, die eine gemeinsame Landgrenze haben (nicht darin enthalten sind Alaska, Hawaii und die US-amerikanischen Überseegebiete). Diesen Ausdruck haben wir während unserer Zeit in Alaska kennengelernt und es hat eine ganze Weile gedauert, bis wir gechekct haben, was damit gemeint ist 🙂

[2] Basketball wird wohl nie so ganz mein Spiel werden, aber der ganze Aufriss drumrum war schon ziemlich beeindruckend. Inklusive Hot Dog, Cheese Nachos und Light Beer versteht sich ;-)…

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Beeindruckend sind nicht nur die tatsächlichen Grossartigkeiten sondern auch der Satz
    ….das unbestritten Beste am Reisen dass man seine Vorstellungen gegen Erfahrungen…tauscht. Ja manchmal denke ich auch dass vielmehr Menschen reisen sollten, es muss ja nicht gleich so weit sein

    1. Ganz genau,Hauptsache „unterwegs“ 😉

  2. Hallo ihr 2! Wie immer geil zu lesen! Schön dass ihr so viele gute erfahrzngen in den usa macht, ging uns genauso ☺️
    Wenn ihr noch könnt, schaut euch san diego an und legt morgens eine jogging- oder spazierrunde am strand ein. Megatoll! Viel spass euch noch!
    Gruss
    Gerrit

    1. Lieber Gerrit,

      immer wieder super schön, Deine Kommentare zu lesen – vielen Dank! San Diego haben wir uns tatsächlich noch angeschaut (siehe Kapitel 10), nur zum joggen hat die Zeit leider nicht mehr gereicht (und ziemlich heiß wars ehrlich gesagt auch ;-)…
      Liebe Grüße in die Heimat und sagt Bescheid, falls Euch das Fernweh packt!!!

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