Tagebuch III: 100 Tage Lockdown

Tagebuch III: 100 Tage Lockdown

30. April – 23. Juni 2020; Guatemala: San Felipe, Lago de Izabal

Könnt ihr euch vorstellen wie es ist 100 Tage an einem Ort festzuhängen? In einem Land, das ihr bislang nur oberflächlich kennt? Dessen Sprache ihr nur magelhaft beherrscht? Wo Notstandsgesetze, offizielle Maßnahmen und inoffizielle Regelungen schneller wechseln, als du mit deinen Unterhosen hinterherkommst? Nein?! Wir eigentlich auch nicht… Und trotzdem gehören die 100 Tage, die wir in Guatemala im Lockdown verbracht haben, vermutlich zu den lehrreichsten, spannendsten und emotional aufwühlendsten Tagen unserer bisherigen Reise. Mal im eher negativen, meistens aber im besten Sinne!

Tag 46: Oh man, ich hasse es gleich den ersten Tag negativ zu beginnen… aber was für eine Scheiße ist da eigentlich passiert! Die funkelnagelneue, super geile Wasserpumpe funktioniert nicht bei der Tiefe des Wasserpegels im Brunen. Wie sich herausstellt, haben die Herren diesen geschätzt – und nicht nachgemessen! Als alles fertig installiert ist, wird die Pumpe ausprobiert und es kommt absolut kein Wasser in den Tanks oben an – dafür bräuchte es eine versenkbare Version. Egal, dachten wir alle gesten noch und dann heute der nächste Frust: umtauschen ist nicht! Die Pumpe wurde benutzt, demnach kann sie der Laden nicht mehr verkaufen. Wir haben jetzt ein Gerät im Wert von 250€, das völlig unbrauchbar in Marios Schuppen rumsteht. Es wurden zwar einige Notlösungen und Kompromisse diskutiert, aber wir bestehen jetzt erst einmal auf eine Pause, bis wir eine ordentliche Lösung gefunden haben. Lebenslanges Lernen, sag ich euch, lebenslanges Lernen…


Tag 47: Problem Wasserpumpe vorerst mal beiseite geschoben: beim heutigen Friday-Dinner mit Paul gibt´s (fast) echt amerikanisches BBQ: Flanksteak mit Baked Potatoes und Coleslaw – „a nice little treat“ um Paul zu zitieren :-). Apropos Nordamerika: wir fangen zurzeit an ein bisschen über Alternativen nachzudenken und überlegen uns nach Kanada zu reisen. Die Vorteile: kurze Flugzeit, der Import vom Hund ist einfach und wir könnten dort Sommerurlaub machen, bis im Herbst die Grenzen hier hoffentlich wieder offen sind. Voraussetzung natürlich: Kanada müsste uns erlauben einzureisen.[1]


Tag 48: Heute sind wir zum ersten mal wieder mit dem Bus nach Rio Dulce gefahren, seit es die Straßenblockade in San Felipe gibt. Entgegen der Befürchtungen unserer Freunde aus San Felipe war es überhaupt kein Problem wieder rein gelassen zu werden. Gutes Gefühl selbstständig die 4 km zum Einkaufen zu fahren.


Tag 51: Über eine Freundin haben die Videocreater von Zettnett von unserer Situation erfahren und uns gefragt, ob wir bei ihrem Filmprojekt „Connected Quarantine“ mitmachen wollen. Wir haben uns die ersten Videos angeschaut und finden die Idee irgendwie cool, es ist echt spannend zu sehen wie Menschen aus aller Welt mit der momentanen Situation umgehen. Wir werden also die nächsten Tage immer wieder kurze Clips aus unserem Alltag aufnehmen und Zettnett wird daraus dann einen kleinen Film machen. Mal schauen wie es wird, ist auf jeden Fall eine willkommene Abwechslung!

Tag 52: Hay Agua, Himmel, Arsch und Zwirn. Es konnte endlich ein Techniker aufgetrieben werden, der wirklich Ahnung hat von dem was er tut! Der gute Mann hat die bereits bestehende (!) tauchfähige Wasserpumpe repariert und plötzlich konnten beide Tanks innerhalb von 60 Minuten befüllt werden. Wir freuen uns zwar wirklich, sind aber auch etwas genervt und frustriert: dass es vor Ort bereits eine passende Wasserpumpe gibt, die zwar kaputt, aber eben reparierbar ist, haben wir erst die letzten Tage erfahren. Da war die Sprachbarriere und vielleicht auch der Wunsch nach einer neuen Pumpe doch etwas zu groß. Im Endeffekt ist es aber auch egal… wegen der anderen Pumpe fällt uns schon was ein und das wichtigstes ist: die Trinkwasserversorgung steht!


Tag 55: Wow, jetzt ist sie also da, die Regenzeit und mit ihr das erste tropische Gewitter! Zuerst denken wir noch, Mario übertreibt mit seiner Warnung „muy fuerte“ ein bisschen. Fünf Minuten später sind wir froh, dass wir ihm dann doch Glauben geschenkt haben. Ich bin schlecht im Windgeschwindigkeiten schätzen, aber der Regen steht waagrecht, der Wind peitscht uns um die Ohren und es gibt so viele Blitze, dass wir mit Zählen nicht mehr hinterherkommen. Wir verkriechen uns so schnell es geht in die Küche, verammeln alle Fenster, machen uns ne schöne Flasche Wein auf und beobachten das Spektaktel – das ist echt eine Lichtershow der besonderen Art.


Tag 56: Nach dem gestrigen Gewitter haben wir insgesamt 25 Stunden lang keine Elekrizität! Und nur gelegentlich Wasser. Da merkt man dann doch wieder, wie gut es uns in Deutschland geht… man stelle sich vor was passiert, wenn ein ganzer Ort über einen Tag lang keinen Strom und Wasser hätte. Aufstand?! Dann brächte einem ja auch das ganze schöne Klopapier nichts mehr ;-).


Tag 59: Offensichtlich macht man nach so langer Zeit im Lockdown manchmal Dinge, die man davor für unmöglich hält! Negativ ausgedrückt könnte man sagen, der ineinander übergleitende Alltag sorgt dafür, dass man sich nach Abwechslung sehnt… positiv formuliert vielleicht: hängt man so lange zu zweit aufeinander, ist in der wohl außergewöhnlichsten Situation seines Lebens, musste noch nie mit so vielen Unsicherheiten umgehen und geht sich trotzdem nicht auf den Sack, wird es langsam mal Zeit. Also hab ich Benny heute einfach gefragt. Ob er mich heiratet. Benny hat gelacht… sehr lange gelacht. Aber schließlich ja gesagt!

Tag 60-61: Keine guten Neuigkeiten aus Guatemala und vor allem Mexiko. Natürlich wird es nicht offiziell ausgesprochen, aber es sieht so aus, als hätte die Regierung mehr oder weniger aufgegeben und setzt auf Herdenimmunität. Die Krankenhäuser kapitulieren, in Guatemala Stadt werden die Menschen jetzt auf Parkplätzen behandelt oder wieder weg geschickt. Zudem sind die Verschärfungen hier heftig: ab nächstem Wochenende gibt es eine komplette Ausgangssperre, die zum Lockdown zwischen 16 Uhr nachmittags und 05 Uhr morgens hinzukommt.

Die letzte Zeit telefonieren wir viel mit unseren Leuten Zuhause. Das ist total schön, sorgt aber auch dafür, dass wir manchmal ein bisschen Heimweh bekommen. So ein gemütliches Zusammensitzen wäre schon was feines und fehlt uns sehr… gerade jetzt!


Tag 62: Was versuchen die meisten Menschen im Urlaub oder auf Reisen zu vermeiden? Zum Arzt zu gehen. Wenn man schon zum Arzt muss, zu welchem will man auf gar keinen Fall? Ganz genau, Zahnarzt! Ist zumindest bei mir so. Unglücklicherweise sieht es danach aus, als ob mir diese einizigartige Erfahrung nicht erspart bleibt: beim Zähneputzen ist mir heute eine Zahnfüllung rausgefallen. Kurz überlege ich mir es einfach zu ignorieren, ab jetzt nicht mehr Zähne zu putzen und nur noch Suppe zu essen… Spätestens beim Mittagssnack bestehend aus Guacamole und Nachos gebe ich jedoch auf. Jetzt heißt es also zu Coronazeiten in Guatemala eine Zahnarztpraxis zu finden (die Garagen, die ich bis dato gesehen habe erfüllen mich ein wenig mit Schrecken). Ich bin entzückt… NICHT!


Tag 64: Heute ist Partytime! Naja, oder so ähnlich… wir fahren gemeinsam nach Jocolo, um das neue Trinkwassersystem einzuweihen. Von Mario haben wir uns bei der Partyplanung beraten lassen und diesen Vorstellungen entsprechend eingekauft: es gibt für alle einen Keks, für die Kinder nen Saft und die Erwachsenen bekommen eine Pepsi (in Guatemala auch liebevoll „Agua“ genannt, was den Stellenwert dieses Zuckerwassers ganz gut beschreibt). Zudem ist ein Prediger engagiert und ein Eintrag ins „goldene“ Buch der Stadt vorgesehen. Zugegeben, am Anfang ist uns der ganze Trubel schon etwas unangenehm, aber als wir eigens angefertigte Diplome mit unserem Namen und allen möglichen Stempeln bekommen, sind wir dann doch gerührt. Ganz Jocolo hat sich bei der Schule versammelt, die Kids sind völlig aus dem Häuschen wegen der kleinen Tetra Packs und wir bekommen ein weiteres mal eine köstliche Caldo de Pollo serviert (langsam grenzt es an ein Wunder, dass in Jocolo noch Hühner rumlaufen).

Abends feiern wir dann unsere Version von Party :-). Wir haben heute auch die letzten Videos für das Projekt „Connected Quarantine“ abgeschickt – hat tatsächlich Spaß gemacht, auch wenn das bewegte Bild wirklich nicht unser Metier ist. Somit sind zwei Projekte abgeschlossen! Ist ne coole Sache und trotzdem stellt sich damit auch die Frage: was kommt jetzt?


Tag 66: Kleines „Zahn-Update“: Dank der super vielen Yachten, die hier während der Hurricane-Saison mitsamt ihren gut betuchten Besitzer*innen „überwintern“, finde ich tatsächlich eine sehr gute Praxis für das Zahnproblem. Nicht so gut: es muss ne Krone her. Ich überlege eine ganze Weile hin und her, ob es nicht auch ein Provisorium tut. Da aber eine Krone in Guatemala immer noch weniger kostet, als die Zuzahlung zu einer selbigen bei der Kostenübernahme durch die deutsche Krankenversicherung, entschließe ich mich schlussendlich das Ganze hinter mich zu bringen. So richtig langweilig wird´s dann irgendwie doch selten…


Tag 67-69: Vorm Wochenende steht der übliche Großeinkauf an, bevor wieder alles dicht macht. Im Zuge dessen bringen wir mehrere Kilo Lebensmittel beim Zirkus in Rio Dulce vorbei – die Menschen sind schon in einer extremen Situation, aber gleichzeitig unfassbar nett und nehmen alles, so hat es zumindest den Anschein, mit einer stoischen Gelassenheit an… beeindruckend! Ich hingegen werde innerlich immer unruhiger. Während ich an unserem letzten Reisekapitel (über Guatemala) schreibe, frage ich mich die ganze Zeit, was danach kommt. Wann hört dieses dämliche Tagebuchgeschreibe auf und ich kann mal wieder was wirklich spannendes berichten? Wir gehen häufig früh ins Bett und fühlen uns total platt – von was, fragen wir uns? Außerdem erwische ich mich dabei, so Sachen zu notieren wie „zum Glück haben wir Zora, sie ist unser Sonnenschein“ – meine Güte, wer schreibt denn sowas?!

Auf der Habenseite steht, dass das Video von Zettnett fertig ist und abgesehen davon, dass es ganz seltsam ist, sich selbst zu sehen und zu hören, haben die Mädels und Jungs echt nen guten Job gemacht. Danke Euch!


Tag 70: Neueste Ankündigung des Präsidenten: alles bleibt gleich! Oder wird verschärft! Aber vielleicht auch nicht! Naja, was soll man dazu groß sagen…

Tag 74: Hmm, Benny ist krank. Fieber, Gliederschmerzen, Durchfall, Halsweh – Corona?


Tag 75: Heute gibt es eine kleine Anekdote, um den Umgang mit Corona in San Felipe und der hiesigen Polizei zu veranschaulichen. Nachmittags beobachtet unser Nachbar Paul, wie die Polizei die kleine Stichstraße an seinem Haus runter zum See fährt. Dort liegen die ganzen Fischerboote vor Anker und es gibt einen kleinen Wellblechschuppen, wo Fisch geputzt wird. Paul ist sich ziemlich sicher, dass es nun gewaltigen Ärger gibt, da zum einen bereits Ausgangssperre herrscht und sich zum anderen kein Mensch an die Maskenpflicht hält. Und tatsächlich, die Polizei ist lange vor Ort und scheint zu diskutieren. Besorgt erkundigt sich Paul am nächsten Tag bei seiner Nachbarin, wer alles einen Strafzettel erhalten hat und wie die Leute das bezahlen wollen. Die schaut ihn ganz verwundert an, lacht und meint bloß: „wieso Strafzettel? Die Polizei hat doch nur Fisch gekauft“!


Tag 77-80: Die letzten Tage war es mal wieder unerträglich heiß. Umso mehr freuen wir uns, als wir heute morgen aufwachen und es in Strömen regnet. Benny ist auch wieder fit und durch die kühleren Temperaturen wird unser Tatendrang geweckt. Also machen wir uns voller Elan an unser nächstes Großprojekt: gemeinsam mit Paul und auf dessen Initiative hin, wollen wir 150 Familien in San Felipe mit Lebensmitteln versorgen. Da wir ja mittlerweile ein bisschen Erfahrung mit Lebensmittelspenden haben und Paul auch nicht mehr der Allerjüngste ist, unterstützen wir ihn organisatorisch, beim Tüten packen und ein Stück weit finanziell. Bis alles organisiert, geliefert, abgewogen, verpackt und verteilt ist, vergehen vier ziemlich anstrengende Tage – für uns vor allem körperlich, für Paul auch emotional. Bei der Verteilung und der Frage, wer im Ort Lebensmittel bekommen soll bzw. am dringendsten benötigt, haben alle Beteiligten so ihre eigenen Vorstellungen. Und wie auch wir bereits festgestellt haben, ist es eine ziemlich schwierige Situation diese Entscheidung treffen zu können, aber eben auch zu müssen. Umso besser schmeckt das Feierabendbier auf Pauls Terasse, als am letzten Tag Nachmittag dann alles geschafft ist. Achso, fast hätte ich es vergessen: der Lockdown ist mal wieder um einen Monat verlängert worden, aber diese Nachricht geht irgendwie unter…

Tag 81: Heute mal eine Pause von Spendenaktionen gemacht, bevor es dann morgen wieder weiter geht mit Tüten packen für Jocolo. Stattdessen nimmt so langsam ein Plan in unseren Köpfen Gestalt an: wir wollen, sobald möglich, zurück nach Mexiko fahren und dort Zora chippen lassen.[2] Mexiko öffnet, ungeachtet extrem steigender Infektions- und Todeszahlen, seit dem 01. Juni wieder langsam das Land, sodass wir dort mehr Bewegungsfreiheit hätten. Ist das erledigt wollen wir uns ganz in Ruhe die Situation anschauen und spontan entscheiden (etwas anderes ist eh nicht möglich), wie es weitergeht. Falls es mehr Lockerungen gibt, ist es für uns gut vorstellbar ein weiteres Mal durch Mexiko zu reisen. Machen die Grenzen Richtung Süden langsam auf, könnten wir unsere Reise fortsetzen. Tritt beides nicht so bald ein, gibt es die Möglichkeit den Bus unterzustellen und einen kleinen Heimaturlaub in Deutschland einzulegen. Auch wenn wir heute noch keine Ahnung haben, wann und wie sich dieser Plan realisieren lässt, tut es doch gut mal wieder die Aussicht auf etwas Neues zu haben. Auch das Gefühl, das wir selbst Entscheidungen treffen und diese nicht für uns gemacht werden, ist nicht zu verachten.


Tag 84: Ein krasser Tropensturm namens Cristobal ist über El Salvador, Guatemala und den Süden Mexikos hinweg gefegt. In Rio Dulce haben wir Glück und bekommen nur die Ausläufer mit, andere Teile des Landes trifft es hingegen schwer. Aus diesem Grund wird die Ausgangssperre am Wochenende aufgehoben, anders wären die Aufräumarbeiten wohl nicht zu stemmen. Uns kommt das natürlich ebenfalls entgegen: als wir diesen Sonntag mal wieder Lebensmittel nach Jocolo bringen, nutzen wir die Chance und hängen eine kleine Wanderung durch die wunderschöne Umgebung samt Picknick an. Auch wenn es drückend heiß und in der Sonne kaum auszuhalten ist, genießen wir diese kleine Freiheit in vollen Zügen. Erschöpft, etwas matschig in der Birne und mit einem ungesund roten Hautton kommen wir nachmittags nach San Felipe zurück und haben eine Nachricht von Armin.

Armin und einige Bekannte hängen ebenfalls seit mehreren Wochen in Guatemala fest und wollen nächste Woche den Versuch wagen, über die nördliche Grenze nach Mexiko auszureisen. Es ist genau der Grenzübergang, der auch für uns in Frage kommt und sie bieten uns an, mit ihnen mit zu fahren. Wir sind überrascht, erfreut und ziemlich überfordert… Für uns bietet sich die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen die Fahrt und den Grenzübertritt in Angriff zu nehmen, keine Woche nachdem wir uns für diesen Weg entschieden haben. Das ist einerseits natürlich eine perfekte Gelegenheit, andererseits gibt es einige Faktoren, die zu diesem Zeitpunkt dagegen sprechen: erst einmal weiß niemand, ob die Grenze „El Ceibo“ tatsächlich geöffnet ist. Die Botschaften dreier Ländern sagen nein, die Tourismuspolizei von Guatemala meint doch. Dann müssen super viele Dokumente organisiert werden und wir müssten in kürzester Zeit Übernachtungsplätze in Guatemala und Mexiko organisieren. Schließlich, und das spielt für uns die wichtigste Rolle, sind wir in San Felipe noch nicht ganz fertig. Die restlichen Spendengelder und das Gefühl, hier noch etwas zu tun zu haben, lassen uns zögern – wir sind hin- und hergerissen!


Tag 85-86: Trotz unserer Unsicherheit beginnen wir mit den Vorbereitungen für eine Ausreise. Von der deutschen Botschaft benötigen wir eine „Permiso de Paso“, damit wir die Departamento-Grenzen in Guatemala übertreten dürfen, für den Hund brauchen wir ein Gesundheitszeugnis, die Tourismuspolizei muss informiert werden, der Bus verlangt nach so langer Zeit Stillstand einige Aufmerksamkeit und und und… die ganze Zeit fragen wir uns dabei, ob sich der Stress lohnt und wir das Richtige tun. Nach zwei wenig erholsamen Nächten und unruhigen Tagen, entscheiden wir uns gegen die Ausreise. Wir haben unseren Entschluss vor drei Monaten in Guatemala zu bleiben immer als richtig empfunden (naja, außer in ein paar ganz schwierigen Momenten) und wollen jetzt nicht überstürzt handeln. Die Gruppe um Armin wird eine Nacht in Rio Dulce übernachten, sodass wir uns mit ihnen treffen und in Kontakt bleiben können. Sobald wir wissen, dass die Grenze definitiv offen ist und wir hier alles mit einem guten Gefühl abgeschlossen haben, wollen wir uns auch auf den Weg machen.


Tag 88: Mal was anderes: nach fast vier Monaten lang von Hand waschen, steigt die Sehnsucht nach einer Waschmaschine langsam ins unermessliche… Unsere weißen T-shirts ziehen wir schon gar nicht mehr an, da ist nix mehr zu retten! Aber gut, auch das ist wieder mal ein eher kleineres Luxusproblem, wie wir am Nachmittag bei Paul feststellen: der Großvater seiner Frau Brenda musste heute ins Krankenhaus. Nicht weil sich der 82-jährige etwa mit Covid 19 infiziert hätte, nein, der gute Mann hatte eine schwe Vergiftung, weil er sein Trinkwasser täglich mit Chlor „desinfiziert“ hat! Es ist schon heftig, was so alles durch die Medien geht und welche Auswirkungen das auf viele Menschen hat, die sich kein „Agua puro“, also kostenpflichtiges Wasser leisten können.


Tag 90: Enstschuldigt meine Ausdrucksweise, aber krasser Scheiß: 90 Tage sind wir jetzt im Lockdown! Zufällig fällt dieser Tag mit Bennys Geburtstag zusammen und der wird ordentlich gefeiert. Wir machen uns erst einmal ein Deluxe-Frühstück, dann gibt es eine abgefahrene Torte, die Benny von Paul zum Geburtstag geschenkt bekommt. Die verspeisen wir mit Mario, Fidelina und den Kids und es stellt sich heraus, dass die in ihrem ganzen Leben noch keine Erdbeeren gegessen haben. Umso strahlender sind die Gesichter angesichts der Kalorienbombe. Am Nachmittag gehen wir zu Paul, wo Benny seinen größten Geburtstagswunsch, eine Lasagne nach über einem Jahr Abstinenz serviert bekommt. Gleichzeitig ignorieren wir zur Feier des Tages die Ausgangssperre und sitzen bis 20 Uhr (!) mit Paul und Brenda zusammen, trinken Sekt und lassen es uns gut gehen. Es ist wahrscheinlich einer der außergewöhnlichsten Geburtstage von Benny, aber damit auch noch ein bisschen Vetrautes dabei ist, feiern wir zu zweit ne wilde Party auf dem Steg und lassen es uns nicht nehmen, noch spät in der Nacht in den lauwarmen See zu hüpfen… zum Glück haben wir trotzdem an die Leiter gedacht!

Tag 93: Und noch einmal eine kleine Anekdote, diesmal leider mit tragischem Ausgang. Seit heute gibt es keinen Roadblock mehr in San Felipe, weder die Aus- noch Einfahrt ins Dorf wird zukünftig kontrolliert. Hintergrund der Geschichte ist, dass gestern ein Motorradfahrer mitten in der Nacht (soviel zur Ausgangssperre) an selbigem tödlich verunglückt ist. Man geht mehrheitlich davon aus, dass er betrunken war, auf dem Seifen- / Desinfektionsgemisch auf der Straße ausgerutscht ist und dann den Balken mitgenommen hat. Die Familie des Verunglückten ist widerrum der festen Überzeugung, dass er ermordet wurde und will nun Klage gegen die Cocode von San Felipe einreichen. Als wir Paul darauf ansprechen, erfahren wir einige haarsträubende Geschichten über Familienfehden, Wucher und illegale Machenschaften in San Felipe – schon heftig, da sind wir so lange in einem Ort und bekommen doch nur einen Bruchteil von dem mit, was da unter der Oberfläche brodelt!


Tag 94-97: Es ist offiziell! Im Gegensatz zu allen Aussagen diverser Botschaften ist die Grenze in El Ceibo geöffnet. Und damit steht auch für uns fest, nächste Woche wagen wir´s! Erneut macht sich Anspannung bemerkbar (nach so langer Zeit ist es fast so, als würden wir noch einmal ganz neu aufbrechen), aber es fühlt sich deutlich besser an als beim letzten Mal. Jetzt heißt es die ganzen Dokumente zusammen zubekommen, aber viel wichtiger ist die Frage, wie wir die restlichen Spendengelder sinnvoll einsetzten. Über Paul erfahren wir, wieviel besser die Zukunftschancen für Kinder in Guatemala sind, wenn sie eine Privatschule besuchen und wir beschließen Marios und Fidelinas ältester Tochter Roxana einen solchen Schulbesuch zu ermöglichen (siehe auch hier). So finden wir auch gleich einen sinnvollen Einsatz für die Wasserpumpe, die immer noch ungenutzt im Schuppen rumsteht: Paul wird sie für uns verkaufen und damit ist ein weiteres Schuljahr für Roxana gesichert. Als wir das letzte Geld auf diese Weise investieren merken wir, wieviel Verantwortung es bedeutet hat, die Spenden sinnvoll zu investieren und sind ein bisschen erleichtert, dass wir diese Verantwortung jetzt langsam los sind. In diesen Tagen finden wir auch einen Campingplatz in Mexiko, wo wir mit einem Nachweis, dass wir die letzten Monate an ein und demselben Platz standen, unterkommen dürfen. So langsam sind wir startklar…

Tag 98-99: Mal wieder Sonntag, mal wieder Ausgangssperre! Aber heute spielt das, zumindest für uns, keine große Rolle. Wir packen ein letztes mal Lebensmittel für Jocolo – schon beeindruckend, was mit diesem Geld alles möglich war und wir sind super dankbar, dass wir während unserer Zeit hier eine so coole Aufgabe hatten. Beim letzten gemeinsamen Mittagessen mit Marios Family kommt erstmals Abschiedsstimmung und ein bisschen Wehmut auf. Aber am Montag wird es dann richtig emotional: früh morgens bringen wir die Lebensmittel nach Jocolo und beim obligatorischen Dankes-Gottesdienst, fließen viele Tränen. Wir haben die Menschen in Jocolo immer freundlich und voller Dankbarkeit erlebt, aber auch etwas schüchtern und distanziert (wobei es ja auch eine etwas unangenehme Situation ist, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein). Heute kommen unfassbar viele Menschen noch einmal auf uns zu und bedanken sich von ganzem Herzen – einen Dank, den wir hiermit an Euch alle weitergeben möchten.

Nachmittags richten wir das Bootshaus und den Steg wieder her, dann wird der Bus gepackt. Und sonst? Ein letztes Bier mit Paul, ein letzter Abend auf dem Steg, ein letztes mal den fantastischen Sternenhimmel über dem Lago Izabal bestaunen.


Tag 100: On the road again – wahnsinn! Nach einem tränenreichen Abschied, vor allem von Paul und Roxana, ist es tatsächlich soweit: wir sind wieder unterwegs! Im Nachhinein ist es kaum greifbar, wie intensiv, schnell und gleichzeitig langsam 100 Tage vergehen können… und auch wenn wir uns das freiwillig so sicher nicht ausgesucht hätten, sind wir sehr sehr dankbar für die tolle Zeit, die großartigen neuen Freundschaften und die außergewöhnlichen Erfahrungen, die wir in diesen 100 Tagen machen durften! Eins steht jetzt schon fest: wir kommen wieder, wenn auch hoffentlich nicht ganz so lange…


[1] Oh man, wie unfassbar naiv im Nachhinein… aber gut, hinterher ist man ja immer klüger!

[2] Ohne Chip darf Zora nicht in die EU einreisen und es ist wichtig, dass wir das von Mexiko aus machen. Die restlichen Länder Zentralamerikas gelten als „Tollwut-Hochrisikogebiet“ und eine Einreise von dort aus ist zwar nicht unmöglich, aber mit extremen Kosten und Wartezeiten verbunden.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ute & Ralph

    Bin gerade über einen FB-Kommentar auf eure Seite gestoßen und habe eure 3 Tagebücher gelesen. Funde es super, was ihr da mit eurer Spendenaktion auf die Beine gestellt und geleistet habt. Chapeau!

    In vielen eurer Gedanken habe ich unsere eigenen wiedergefunden. Obwohl wir teilweise mit völlig unterschiedlichen Vorraussetzungen zu tun haben (z. B. beide 62 Jahre (also Risikogruppe), wir im patagonischen Winter) sehe ich auch einige Gemeinsamkeiten (z. B. Sprachbarrieren, die Frage, was sinnvoller ist: bleiben oder in die Heimat).
    Wir sind jetzt den 127. Tag im argentinischen Lockdown; davon 124 an unserem aktuellen Stellplatz etwas außerhalb des Zentrums von San Martín de los Andes. Es gibt zwar inzwischen hier auch einige Lockerungen, aber auch hier ist privates Reisen noch verboten und so hängen wir fest. Nachdem wir erst gedacht haben, wir sitzen das hier aus (haben nicht damit gerechnet, dass es hier noch so schlimm wird, da der Lockdown schon bei irgendwas um die 100 Infizierten ausgesprochen wurde und die Zahlen bis Ende Juni relativ mäßig waren), kommt inzwischen doch immer wieder der Gedanke auf, das TIP zu unterbrechen und von Buenos Aires nach Hause zu fliegen. Wir werden sehen, was die nächsten Tage und Wochen bringen.
    Unsere Reiseberichte und unser „Corona-Tagebuch“ findet ihr in unserem Blog.
    LG und alles Gute … Ute & Ralph

    1. Lena & Benny

      Liebe Ute, lieber Ralph,

      vielen Dank für Eure ermutigenden Worte! Tatsächlich war es auch für uns eine große Bereicherung und wir sind super froh, dass wir in dieser Zeit eine sinnvolle Aufgabe hatten.
      Auch können wir gut nachvollziehen, dass ihr über einen Break nachdenkt – wir sind auch grad am überlegen, wie und wo es für uns weitergeht… ich habe Euer Corona-Tagebuch gelesen und mich auch in vielen Eurer Beschreibungen wiedergefunden (besonders wenn sich ein Tag dem anderen gleicht und es nicht wirklich etwas Neues gibt). Aber dafür klingt die Gemeinschaft die ihr an eurem Platz gefunden habt sehr schön! Wir wünschen Euch auf jeden Fall ganz viel Erfolg bei der Entscheidungsfindung und Umsetzung.

      Liebe Grüße aus Mexiko nach Argentienien und bleibt gesund!
      Lena und Benny

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