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Tagebuch III: 100 Tage Lockdown

Tag 77-80: Die letzten Tage war es mal wieder unerträglich heiß. Umso mehr freuen wir uns, als wir heute morgen aufwachen und es in Strömen regnet. Benny ist auch wieder fit und durch die kühleren Temperaturen wird unser Tatendrang geweckt. Also machen wir uns voller Elan an unser nächstes Großprojekt: gemeinsam mit Paul und auf dessen Initiative hin, wollen wir 150 Familien in San Felipe mit Lebensmitteln versorgen. Da wir ja mittlerweile ein bisschen Erfahrung mit Lebensmittelspenden haben und Paul auch nicht mehr der Allerjüngste ist, unterstützen wir ihn organisatorisch, beim Tüten packen und ein Stück weit finanziell. Bis alles organisiert, geliefert, abgewogen, verpackt und verteilt ist, vergehen vier ziemlich anstrengende Tage – für uns vor allem körperlich, für Paul auch emotional. Bei der Verteilung und der Frage, wer im Ort Lebensmittel bekommen soll bzw. am dringendsten benötigt, haben alle Beteiligten so ihre eigenen Vorstellungen. Und wie auch wir bereits festgestellt haben, ist es eine ziemlich schwierige Situation diese Entscheidung treffen zu können, aber eben auch zu müssen. Umso besser schmeckt das Feierabendbier auf Pauls Terasse, als am letzten Tag Nachmittag dann alles geschafft ist. Achso, fast hätte ich es vergessen: der Lockdown ist mal wieder um einen Monat verlängert worden, aber diese Nachricht geht irgendwie unter…

Tag 81: Heute mal eine Pause von Spendenaktionen gemacht, bevor es dann morgen wieder weiter geht mit Tüten packen für Jocolo. Stattdessen nimmt so langsam ein Plan in unseren Köpfen Gestalt an: wir wollen, sobald möglich, zurück nach Mexiko fahren und dort Zora chippen lassen.[2] Mexiko öffnet, ungeachtet extrem steigender Infektions- und Todeszahlen, seit dem 01. Juni wieder langsam das Land, sodass wir dort mehr Bewegungsfreiheit hätten. Ist das erledigt wollen wir uns ganz in Ruhe die Situation anschauen und spontan entscheiden (etwas anderes ist eh nicht möglich), wie es weitergeht. Falls es mehr Lockerungen gibt, ist es für uns gut vorstellbar ein weiteres Mal durch Mexiko zu reisen. Machen die Grenzen Richtung Süden langsam auf, könnten wir unsere Reise fortsetzen. Tritt beides nicht so bald ein, gibt es die Möglichkeit den Bus unterzustellen und einen kleinen Heimaturlaub in Deutschland einzulegen. Auch wenn wir heute noch keine Ahnung haben, wann und wie sich dieser Plan realisieren lässt, tut es doch gut mal wieder die Aussicht auf etwas Neues zu haben. Auch das Gefühl, das wir selbst Entscheidungen treffen und diese nicht für uns gemacht werden, ist nicht zu verachten.


Tag 84: Ein krasser Tropensturm namens Cristobal ist über El Salvador, Guatemala und den Süden Mexikos hinweg gefegt. In Rio Dulce haben wir Glück und bekommen nur die Ausläufer mit, andere Teile des Landes trifft es hingegen schwer. Aus diesem Grund wird die Ausgangssperre am Wochenende aufgehoben, anders wären die Aufräumarbeiten wohl nicht zu stemmen. Uns kommt das natürlich ebenfalls entgegen: als wir diesen Sonntag mal wieder Lebensmittel nach Jocolo bringen, nutzen wir die Chance und hängen eine kleine Wanderung durch die wunderschöne Umgebung samt Picknick an. Auch wenn es drückend heiß und in der Sonne kaum auszuhalten ist, genießen wir diese kleine Freiheit in vollen Zügen. Erschöpft, etwas matschig in der Birne und mit einem ungesund roten Hautton kommen wir nachmittags nach San Felipe zurück und haben eine Nachricht von Armin.

Armin und einige Bekannte hängen ebenfalls seit mehreren Wochen in Guatemala fest und wollen nächste Woche den Versuch wagen, über die nördliche Grenze nach Mexiko auszureisen. Es ist genau der Grenzübergang, der auch für uns in Frage kommt und sie bieten uns an, mit ihnen mit zu fahren. Wir sind überrascht, erfreut und ziemlich überfordert… Für uns bietet sich die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen die Fahrt und den Grenzübertritt in Angriff zu nehmen, keine Woche nachdem wir uns für diesen Weg entschieden haben. Das ist einerseits natürlich eine perfekte Gelegenheit, andererseits gibt es einige Faktoren, die zu diesem Zeitpunkt dagegen sprechen: erst einmal weiß niemand, ob die Grenze „El Ceibo“ tatsächlich geöffnet ist. Die Botschaften dreier Ländern sagen nein, die Tourismuspolizei von Guatemala meint doch. Dann müssen super viele Dokumente organisiert werden und wir müssten in kürzester Zeit Übernachtungsplätze in Guatemala und Mexiko organisieren. Schließlich, und das spielt für uns die wichtigste Rolle, sind wir in San Felipe noch nicht ganz fertig. Die restlichen Spendengelder und das Gefühl, hier noch etwas zu tun zu haben, lassen uns zögern – wir sind hin- und hergerissen!


Tag 85-86: Trotz unserer Unsicherheit beginnen wir mit den Vorbereitungen für eine Ausreise. Von der deutschen Botschaft benötigen wir eine „Permiso de Paso“, damit wir die Departamento-Grenzen in Guatemala übertreten dürfen, für den Hund brauchen wir ein Gesundheitszeugnis, die Tourismuspolizei muss informiert werden, der Bus verlangt nach so langer Zeit Stillstand einige Aufmerksamkeit und und und… die ganze Zeit fragen wir uns dabei, ob sich der Stress lohnt und wir das Richtige tun. Nach zwei wenig erholsamen Nächten und unruhigen Tagen, entscheiden wir uns gegen die Ausreise. Wir haben unseren Entschluss vor drei Monaten in Guatemala zu bleiben immer als richtig empfunden (naja, außer in ein paar ganz schwierigen Momenten) und wollen jetzt nicht überstürzt handeln. Die Gruppe um Armin wird eine Nacht in Rio Dulce übernachten, sodass wir uns mit ihnen treffen und in Kontakt bleiben können. Sobald wir wissen, dass die Grenze definitiv offen ist und wir hier alles mit einem guten Gefühl abgeschlossen haben, wollen wir uns auch auf den Weg machen.


Tag 88: Mal was anderes: nach fast vier Monaten lang von Hand waschen, steigt die Sehnsucht nach einer Waschmaschine langsam ins unermessliche… Unsere weißen T-shirts ziehen wir schon gar nicht mehr an, da ist nix mehr zu retten! Aber gut, auch das ist wieder mal ein eher kleineres Luxusproblem, wie wir am Nachmittag bei Paul feststellen: der Großvater seiner Frau Brenda musste heute ins Krankenhaus. Nicht weil sich der 82-jährige etwa mit Covid 19 infiziert hätte, nein, der gute Mann hatte eine schwe Vergiftung, weil er sein Trinkwasser täglich mit Chlor „desinfiziert“ hat! Es ist schon heftig, was so alles durch die Medien geht und welche Auswirkungen das auf viele Menschen hat, die sich kein „Agua puro“, also kostenpflichtiges Wasser leisten können.


Tag 90: Enstschuldigt meine Ausdrucksweise, aber krasser Scheiß: 90 Tage sind wir jetzt im Lockdown! Zufällig fällt dieser Tag mit Bennys Geburtstag zusammen und der wird ordentlich gefeiert. Wir machen uns erst einmal ein Deluxe-Frühstück, dann gibt es eine abgefahrene Torte, die Benny von Paul zum Geburtstag geschenkt bekommt. Die verspeisen wir mit Mario, Fidelina und den Kids und es stellt sich heraus, dass die in ihrem ganzen Leben noch keine Erdbeeren gegessen haben. Umso strahlender sind die Gesichter angesichts der Kalorienbombe. Am Nachmittag gehen wir zu Paul, wo Benny seinen größten Geburtstagswunsch, eine Lasagne nach über einem Jahr Abstinenz serviert bekommt. Gleichzeitig ignorieren wir zur Feier des Tages die Ausgangssperre und sitzen bis 20 Uhr (!) mit Paul und Brenda zusammen, trinken Sekt und lassen es uns gut gehen. Es ist wahrscheinlich einer der außergewöhnlichsten Geburtstage von Benny, aber damit auch noch ein bisschen Vetrautes dabei ist, feiern wir zu zweit ne wilde Party auf dem Steg und lassen es uns nicht nehmen, noch spät in der Nacht in den lauwarmen See zu hüpfen… zum Glück haben wir trotzdem an die Leiter gedacht!

Tag 93: Und noch einmal eine kleine Anekdote, diesmal leider mit tragischem Ausgang. Seit heute gibt es keinen Roadblock mehr in San Felipe, weder die Aus- noch Einfahrt ins Dorf wird zukünftig kontrolliert. Hintergrund der Geschichte ist, dass gestern ein Motorradfahrer mitten in der Nacht (soviel zur Ausgangssperre) an selbigem tödlich verunglückt ist. Man geht mehrheitlich davon aus, dass er betrunken war, auf dem Seifen- / Desinfektionsgemisch auf der Straße ausgerutscht ist und dann den Balken mitgenommen hat. Die Familie des Verunglückten ist widerrum der festen Überzeugung, dass er ermordet wurde und will nun Klage gegen die Cocode von San Felipe einreichen. Als wir Paul darauf ansprechen, erfahren wir einige haarsträubende Geschichten über Familienfehden, Wucher und illegale Machenschaften in San Felipe – schon heftig, da sind wir so lange in einem Ort und bekommen doch nur einen Bruchteil von dem mit, was da unter der Oberfläche brodelt!


Tag 94-97: Es ist offiziell! Im Gegensatz zu allen Aussagen diverser Botschaften ist die Grenze in El Ceibo geöffnet. Und damit steht auch für uns fest, nächste Woche wagen wir´s! Erneut macht sich Anspannung bemerkbar (nach so langer Zeit ist es fast so, als würden wir noch einmal ganz neu aufbrechen), aber es fühlt sich deutlich besser an als beim letzten Mal. Jetzt heißt es die ganzen Dokumente zusammen zubekommen, aber viel wichtiger ist die Frage, wie wir die restlichen Spendengelder sinnvoll einsetzten. Über Paul erfahren wir, wieviel besser die Zukunftschancen für Kinder in Guatemala sind, wenn sie eine Privatschule besuchen und wir beschließen Marios und Fidelinas ältester Tochter Roxana einen solchen Schulbesuch zu ermöglichen (siehe auch hier). So finden wir auch gleich einen sinnvollen Einsatz für die Wasserpumpe, die immer noch ungenutzt im Schuppen rumsteht: Paul wird sie für uns verkaufen und damit ist ein weiteres Schuljahr für Roxana gesichert. Als wir das letzte Geld auf diese Weise investieren merken wir, wieviel Verantwortung es bedeutet hat, die Spenden sinnvoll zu investieren und sind ein bisschen erleichtert, dass wir diese Verantwortung jetzt langsam los sind. In diesen Tagen finden wir auch einen Campingplatz in Mexiko, wo wir mit einem Nachweis, dass wir die letzten Monate an ein und demselben Platz standen, unterkommen dürfen. So langsam sind wir startklar…

Tag 98-99: Mal wieder Sonntag, mal wieder Ausgangssperre! Aber heute spielt das, zumindest für uns, keine große Rolle. Wir packen ein letztes mal Lebensmittel für Jocolo – schon beeindruckend, was mit diesem Geld alles möglich war und wir sind super dankbar, dass wir während unserer Zeit hier eine so coole Aufgabe hatten. Beim letzten gemeinsamen Mittagessen mit Marios Family kommt erstmals Abschiedsstimmung und ein bisschen Wehmut auf. Aber am Montag wird es dann richtig emotional: früh morgens bringen wir die Lebensmittel nach Jocolo und beim obligatorischen Dankes-Gottesdienst, fließen viele Tränen. Wir haben die Menschen in Jocolo immer freundlich und voller Dankbarkeit erlebt, aber auch etwas schüchtern und distanziert (wobei es ja auch eine etwas unangenehme Situation ist, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein). Heute kommen unfassbar viele Menschen noch einmal auf uns zu und bedanken sich von ganzem Herzen – einen Dank, den wir hiermit an Euch alle weitergeben möchten.

Nachmittags richten wir das Bootshaus und den Steg wieder her, dann wird der Bus gepackt. Und sonst? Ein letztes Bier mit Paul, ein letzter Abend auf dem Steg, ein letztes mal den fantastischen Sternenhimmel über dem Lago Izabal bestaunen.


Tag 100: On the road again – wahnsinn! Nach einem tränenreichen Abschied, vor allem von Paul und Roxana, ist es tatsächlich soweit: wir sind wieder unterwegs! Im Nachhinein ist es kaum greifbar, wie intensiv, schnell und gleichzeitig langsam 100 Tage vergehen können… und auch wenn wir uns das freiwillig so sicher nicht ausgesucht hätten, sind wir sehr sehr dankbar für die tolle Zeit, die großartigen neuen Freundschaften und die außergewöhnlichen Erfahrungen, die wir in diesen 100 Tagen machen durften! Eins steht jetzt schon fest: wir kommen wieder, wenn auch hoffentlich nicht ganz so lange…


[1] Oh man, wie unfassbar naiv im Nachhinein… aber gut, hinterher ist man ja immer klüger!

[2] Ohne Chip darf Zora nicht in die EU einreisen und es ist wichtig, dass wir das von Mexiko aus machen. Die restlichen Länder Zentralamerikas gelten als „Tollwut-Hochrisikogebiet“ und eine Einreise von dort aus ist zwar nicht unmöglich, aber mit extremen Kosten und Wartezeiten verbunden.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ute & Ralph

    Bin gerade über einen FB-Kommentar auf eure Seite gestoßen und habe eure 3 Tagebücher gelesen. Funde es super, was ihr da mit eurer Spendenaktion auf die Beine gestellt und geleistet habt. Chapeau!

    In vielen eurer Gedanken habe ich unsere eigenen wiedergefunden. Obwohl wir teilweise mit völlig unterschiedlichen Vorraussetzungen zu tun haben (z. B. beide 62 Jahre (also Risikogruppe), wir im patagonischen Winter) sehe ich auch einige Gemeinsamkeiten (z. B. Sprachbarrieren, die Frage, was sinnvoller ist: bleiben oder in die Heimat).
    Wir sind jetzt den 127. Tag im argentinischen Lockdown; davon 124 an unserem aktuellen Stellplatz etwas außerhalb des Zentrums von San Martín de los Andes. Es gibt zwar inzwischen hier auch einige Lockerungen, aber auch hier ist privates Reisen noch verboten und so hängen wir fest. Nachdem wir erst gedacht haben, wir sitzen das hier aus (haben nicht damit gerechnet, dass es hier noch so schlimm wird, da der Lockdown schon bei irgendwas um die 100 Infizierten ausgesprochen wurde und die Zahlen bis Ende Juni relativ mäßig waren), kommt inzwischen doch immer wieder der Gedanke auf, das TIP zu unterbrechen und von Buenos Aires nach Hause zu fliegen. Wir werden sehen, was die nächsten Tage und Wochen bringen.
    Unsere Reiseberichte und unser „Corona-Tagebuch“ findet ihr in unserem Blog.
    LG und alles Gute … Ute & Ralph

    1. Lena & Benny

      Liebe Ute, lieber Ralph,

      vielen Dank für Eure ermutigenden Worte! Tatsächlich war es auch für uns eine große Bereicherung und wir sind super froh, dass wir in dieser Zeit eine sinnvolle Aufgabe hatten.
      Auch können wir gut nachvollziehen, dass ihr über einen Break nachdenkt – wir sind auch grad am überlegen, wie und wo es für uns weitergeht… ich habe Euer Corona-Tagebuch gelesen und mich auch in vielen Eurer Beschreibungen wiedergefunden (besonders wenn sich ein Tag dem anderen gleicht und es nicht wirklich etwas Neues gibt). Aber dafür klingt die Gemeinschaft die ihr an eurem Platz gefunden habt sehr schön! Wir wünschen Euch auf jeden Fall ganz viel Erfolg bei der Entscheidungsfindung und Umsetzung.

      Liebe Grüße aus Mexiko nach Argentienien und bleibt gesund!
      Lena und Benny

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