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Tagebuch I: Stillstand

  • Beitrags-Kategorie:"Corona"-Tagebücher
  • Lesedauer:18 min Lesezeit

Tag 8-11: Gesagt getan, wir machen einen Großeinkauf in Rio Dulce und decken uns mit Lebensmitteln für die nächste Woche ein (die Versorgungslage ist hier nach wie vor sehr gut und bis auf ein paar wenige Menschen ist auch niemand am Klopapier hamstern). Danach wird geputzt: Benny schrubbt die Küche auf dem Bootssteg bis sie seinen professionellen Ansprüchen genügt und entdeckt damit auch wieder seine Leidenschaft fürs Kochen – sehr zu meiner Freude natürlich. Ich beschließe im Gegenzug, dass es mal wieder Zeit für einen Bus-Großputz ist. Der wird mich die kommende Woche beschäftigt halten, denn es wird wirklich jeder Winkel abgestaubt und mal wieder alles durchgewaschen. Von Hand versteht sich.

Zu diesem Zeitpunkt rechnen wir damit, hier noch mindestens einen Monat festzusitzen. Das ist irgendwie unangenehm, andererseits hatten wir sowieso vor, demnächst mal eine Pause vom Reisen einzulegen. Wir machen es uns hier also so schön wie möglich (was nicht sonderlich schwer ist) und wollen die Zeit nutzen, um die ganzen Eindrücke der letzten 11 Monate sacken zu lassen. Mittlerweile gibt es auch in Guatemala eine Ausgangssperre, die von 16 Uhr nachmittags bis 04 Uhr morgens gilt. Aber auch das ist für uns persönlich nicht so schlimm, die Sonnenuntergänge auf dem Steg sind einfach magisch. Die Menschen hier im Ort leiden hingegen immer mehr unter den Einschränkungen. Pauls guatemaltekische Ehefrau vergewissert uns, dass es bislang noch keine Kinder gibt, die hungrig ins Bett gehen müssen. Trotzdem fangen wir mit Paul an zu überlegen, wie wir helfen können, sollte sich die Lage weiter zuspitzen.

Die Tage verschwimmen immer mehr und es kehrt Alltag bei uns ein. Wir stehen früh auf, da es schon in den Morgenstunden unfassbar heiß wird, trinken Kaffee, putzen den Bus, angeln und kochen, waschen täglich eine Fuhre Wäsche, machen Siesta in der Hängematte, besuchen gelegentlich unseren Nachbarn oder unterrichten ein bisschen, arbeiten an unserem Blog und telefonieren gelegentlich mit unseren Familien und Freund*innen zu Hause… Dann erfahren wir, dass es auch in Guatemala eine Rückholaktion für gestrandete Deutsche geben wird – eine einmalige Sache, wie die Botschaft mitteilt. Erneut überlegen wir… die Flüge gehen noch dieses Wochenende, wir müssten also schnell nach Guatemala Stadt wenn wir mitwollen. Kurz darauf lesen wir, dass keine Tiere mit ins Flugzeug dürfen und damit zerschlagen sich alle weiteren Überlegungen bezüglich einer Rückkehr. Was sollen wir denn mit unserem 6-monatigen Welpen machen? Auf der Straße aussetzen?! Wir werden bleiben.  


Tag 12: Es gibt gute und schlechte Tage, wie immer im Leben. Heute ist zumindest mal einer, an dem sich eine gewisse Neigung zum negativen Denken bemerkbar macht. Die Ungewissheit, wie lange die Situation noch dauert kratzt gelegentlich ein wenig an der Stimmung. Unser Nachbar Paul schaut den ganzen Tag Nachrichten und die News aus den USA sind natürlich nicht besonders. Wir müssen aufpassen, merke ich, dass wir uns nicht zu sehr runterziehen lassen.Oder uns von der, sich in den diversen Traveller-Gruppen der sozialen Medien ausbreitenden Hysterie anstecken lassen. Ich verordne mir immer regelmäßiger ein „Nachrichten-Verbot“, sodass ich nur einmal am Tag die Neuigkeiten checke und nicht etwa stündlich. Tut gut!

Tag 13-14: Halb im Spaß, halb im Ernst fangen wir an darüber nachzudenken, was wir in Guatemala so machen könnten, sollten wir noch länger bleiben müssen… Auch wenn wir natürlich hoffen, dass wir unsere Reise demnächst fortsetzen können, ist es hilfreich, sich ein wenig mit den Alternativen auseinanderzusetzen. Auch das Berichte schreiben, Fotos bearbeiten und an unserer Webseite basteln macht uns wieder großen Spaß! Hier haben wir Elektrizität und alle Zeit der Welt – kein Zeitdruck der mit dem Schreiben und online stellen bisweilen einherging. Bald sind wir ein Jahr unterwegs, heute jährt sich unsere große Abschiedsparty. Unglaublich, was wir in diesen 365 Tagen alles gesehen und erlebt haben…  

Die letzten zwei Wochen Stillstand waren ein auf und ab der Gefühle, aber damit müssen ja nicht nur wir uns auseinandersetzen, sondern alle Menschen auf der Welt! Und dank der modernen Kommunikationsmöglichkeiten sind wir in diesen Tagen, obwohl tausende von Kilometern von Deutschland entfernt, vielleicht wieder ein bisschen näher an die uns wichtigen Menschen in der Heimat und an diejenigen, die wir unterwegs kennengelernt haben, herangerückt. Wir wissen sehr zu schätzen, was wir hier haben: einen wunderschönen, sonnigen und sicheren Ort, liebe Menschen um uns herum, einen fantastischen Ausblick, unseren Hund und einander… Und wie wir heute erfahren haben, bleibt uns das auch noch eine Weile erhalten – der Lockdown in Guatemala wurde für mindestens weitere15 Tage verlängert!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Gerrit

    Eieiei was eine situation! Aber sie hat auch ihr gutes, wie man sieht! Es kommt drauf an, was man draus macht😉
    Silke arbeitet im home office und ich bin auf der suche nach nem neuen job. Sonst ist die stimmung aber bombe☺️
    Haltet durch und schön füße still halten!
    Gruss und bleibt gesund,
    Gerrit

    1. Lena & Benny

      Ja, ungewöhnliche Zeiten! Wir hoffen ihr genießt die Zeit zu zweit daheim und drücken fest die Daumen bei der Jobsuche… Lasst euch nicht unterkriegen und weiterhin eine „Bombenstimmung“ 😉

  2. Knut

    Ihr Lieben,
    diese seltsamen Ereignisse und Wandlungen der letzten Wochen haben nun auch mich an die heimische Wohnung gebunden, die nun in Reutlingen ist – der weite Blick nach draußen ist der Blick in eine sternenklare Nacht… . Endlich habe ich Zeit gefunden, in eurem Blog zu lesen – und habe ausgerechnet in der Ruhe, die ich langsam hier haben darf, mit dem letzten, wohl reiseuntypischsten Bericht begonnen… dieser Bericht hat mich sehr berührt und mir das Gefühl gegeben, eure plötzlich so geschrumpfte Welt nachempfinden zu können – ich finde, ihr macht das großartig, soweit es mir möglich ist, das zu beurteilen – es scheint, dieser Ort ist nicht der übelste und plötzlich so massiv eingegrenzt zu sein, fühlt sich vermutlich weltweit seltsam an… Caty und ich denken viel an euch – ihr macht das großartig! So Fern so Nah!!! Nur Allerbestes für euch und das Dorf, dass euch aufgenommen hat…, Knut und Caty….

    1. Lena & Benny

      Lieber Knut,

      vielen Dank für eure lieben Gedanken an uns! Tatsächlich scheinen wir viel Glück mit unserem neuen Zuhause auf Zeit zu haben… Liebe Menschen um uns, ein sinnvoller Zeitvertreib und warme Temperaturen – da können wir uns wirklich nicht beklagen! Es freut uns natürlich sehr, dass du die vorhandene Zeit zum Lesen unserer Beiträge nutzen kannst und das sie dir gefallen.

      Auch wir senden ganz liebe Grüße an Caty und dich, genießt den Blick aus der Reutlinger Wohnung und lässt es Euch gut gehen!
      Alles Liebe,
      Lena & Benny

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